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Serientipp: „Das Damengambit“

Ihr kennt das vielleicht. Man ist einer Serie in süchtiger Hingabe verfallen, doch irgendwann findet selbst eine mit mehreren Staffeln ihr Ende. Nun hat man die Befürchtung, nie wieder ein filmisches Werk zu entdecken, das einen ebenso fesselt, das das Zeug hat, es auf die Liste der ewigen Favoriten zu schaffen. Nach „The Handmaid´s Tale“ hatte ich diese Überlegung. Dann fand mich „Das Damengambit“ auf Netflix. Gefeiert von Kritik, Presse und Zusehern blieb ich erst einmal distanziert. Hypes stehe ich immer vorerst misstrauisch gegenüber, mein Anspruch an das Dargebotene schraubt sich sonst in unrealistische Höhen.

Dass im ersten Monat nach der Erstausstrahlung des „Damengambits“ sage und schreibe 62 Millionen Haushalte die Serie gestreamt hatten und sie somit zur erfolgreichsten Miniserie auf Netflix avancierte, rang mir dann doch Respekt ab. Schließlich sprachen auch einige meiner engsten Freunde ihre Empfehlung aus, deren Urteil traue ich mehr, vor allem kennen sie mich und meinen Geschmack recht gut.

Worum es geht, ist schnell erzählt: Die Romanverfilmung von Walter Tevis behandelt die Geschichte des Waisenmädchens Beth Harmon, das in den 1950er Jahren in einem Heim aufwächst. Im Alter von neun Jahren bringt ihr der Hausmeister des Waisenhauses das Schachspiel bei. Schnell erkennt er, dass er hier ein Wunderkind vor sich hat. Beth nimmt alsbald an Jugendturnieren teil, wird zwischenzeitlich adoptiert und von ihrer Mutter unterstützt und gefördert, reist von Turnier zu Turnier und festigt ihren Ruf als das größte Nachwuchstalent seiner Zeit.. Bald tritt sie gegen die Großmeister an, verdient auch ordentlich Geld damit. Die Kehrseite der Medaille sind ihre Abgründe und Dämonen. Damals war es üblich, Kinder in Heimen mit Tabletten ruhig zu stellen, sehr früh manifestiert sich ihre Sucht, die sich dann im Alkoholismus fortsetzt. Beth sucht also nicht nur ihren Platz in der männerdominierten Schachwelt, sondern auch den Weg aus der Sucht und zu sich selbst.

Anya Taylor-Joy spielt das Wunderkind, und sie macht das dermaßen großartig, dass einem der Atem stockt. Ihre roten Haare ein Blickfang, aber ihre Augen machen wohl einen großen Teil dieser unglaublichen Aura aus. Anya schauspielert mit ihrem Blick, schafft es, ganze Gefühlspaletten über ihn zu transportieren, um im nächsten Moment so distanziert zu blicken, dass man an ihrem Wimpernkranz abprallt. Selbst in den Augenblicken, wo sie in ihre Sucht abzustürzen droht, verliert sie weder Würde noch Menschlichkeit. Sie verschafft sich Respekt in einer Welt, in der Frauen noch kaum Hosen trugen und wird von den Männern respektiert, viele sagen am Ende, dass es ihnen eine Ehre war, gegen sie zu verlieren. Beth wird ein Schachrockstar.

Die Serie ist ein Augenschmaus in jeder Hinsicht, was Kulissen, Ausstattung, Requisiten und Kostüme betrifft. Da wird nicht an Opulenz gespart, aber genau das ist auch ein wesentlicher Reiz der Serie. Man ist vom Inhalt gefesselt, während die einem innewohnende Ästhetik ein Fest feiert. Ich selbst habe nie Schach gespielt, kannte aber zwei Brüder, die es höchst erfolgreich taten. Schon damals war ich völlig fasziniert von den Leistungen eines menschlichen Gehirns, von visionären Fähigkeiten, von Logik und einem Sinn für diese Mischung aus Mathematik und Spiel.

Kritische Themen gibt es im „Damengambit“ zur Genüge: Die Problematik in Waisenhäusern, Sucht, Emanzipation, Genie und Wahnsinn und der ewige Kampf gegen den Kontrollverlust, aber niemals wird eine Moralkeule geschwungen, der Zeigefinger erhoben oder gar der pädagogisch wertvolle Aspekt in den Vordergrund gerückt. Der Serie wohnt eine erhabene Gelassenheit inne, eine Unaufgeregtheit, die sehr angenehm in Zeiten ankommt, in denen sich permanent echauffiert wird über jedes noch so banale und nicht banale Thema. Die vermeintliche Gleichgültigkeit, die Beth Harmon ausstrahlt, ist Programm.

Das Serienfinale. Auf einmal war es dann doch da, auch wenn ich mir nur eine Folge pro Woche erlaubte, um richtig lange davon zu kosten. Was soll ich sagen, das schlug dann noch einmal alles, was mich davor schon fing und faszinierte. Ich kann es getrost so sagen: mit mir gingen die Emotionen durch.

Jetzt stehe ich vor dem Dilemma: Was könnte das nächste Meisterwerk sein, das mich dermaßen kriegt? Wenn ihr Vorschläge habt – ich bitte darum!

FOTOQUELLE: PHIL BRAY/NETFLIX © 2020

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