In 60 Minuten um die Welt und einmal um die eigene Achse

Da will man an einem Samstagnachmittag nichts anderes als seine Adoptivkatzen besuchen, und dann hat man auf einmal eine VR-Brille auf dem Kopf. (VR steht für „Virtual Reality“) Für die, die nicht wissen, was das ist: das sind diese monströs wirkenden, überdimensionierten Dinger vor den Augen, die man wie einen Helm aufsetzt und die die Menschen, die sie gerade tragen, sich wie betrunken oder schwer angeschlagen durch den Raum bewegen lassen. Sehr unterhaltsam für die Außenstehenden übrigens. Ich setzte mich sicherheitshalber gleich mal hin.

Ab ging die Post. Ich war nervös, als würde ich das erste Mal in einem Flugzeug sitzen. Wie würden meine Sinne auf diese Reize reagieren, würde mir schlecht werden? Aber ich durfte einfach da sitzen und mich wie im IMAX Kino bespaßen lassen. A. stellte mir ein persönliches VR-Menü zusammen, von dem er wusste, es würde mir gefallen. Was schließlich doch darin eingebaut war, durfte ich dann ohne Vorwarnung „genießen“.

Los ging es in einem Schloß. Ich liebe Burgen, Schlösser, monumentale Bauten, und am allermeisten, wenn nur ich darin bin. Und das war der Fall. Ich stand mutterseelenalleine in meterhohen Prunkräumen, hatte echt Sorge, mir den Nacken zu verdrehen, der Witz ist, du siehst nämlich den Raum auch hinter dir. Das war allerdings von einer Drohne gefilmt, weswegen ich das Gefühl hatte, an der Decke zu hängen wie Spiderman. Ein zugegeben schräges Empfinden.

Weiter ging es auf der „Via Dolorosa“, dem Kreuzweg Jesu in Jerusalem. In einer Sekunde war ich von England nach Israel gereist. Eindrucksvoll – die Gebäude, die Hitze, erstaunlich, wie das Hirn tickt. Mir war richtig warm in dem Land, das wie reine Wüste scheint. Was bin ich zusammen gezuckt, als plötzlich ein Mensch neben mir ging, nahezu lebensgroß. Um mich herum Markttreiben, Gewusel. Dann ein Schwenk zur jüdischen Klagemauer. Ich stand, obwohl ich in einem Wohnzimmer auf dem Sofa saß, an der Klagemauer. Unwillkürlich wankte ich mit den Betenden vor und zurück. Das geht gar nicht anders. Spiegelneuronen.

Meine eigene Zeit- und Raumkapsel brachte mich weiter in die Berge, zu einer Aussichtsplattform. Unter mir ging es steil bergab, mit einem Schmunzeln stellte ich fest, dass ich mittlerweile die Füße zum Schneidersitz hoch gezogen hatte, man will ja keinen falschen Schritt setzen.

Diesem Schicksal bin ich entgangen und fand mich auf den Malediven wieder. Ein kurzer Panoramablick genügte, um zu wissen, da muss ich nicht hin. Zu viel Wasser (im Verhältnis), zu viel Sonne, keine Aussicht auf einen gepflegten Herbst. Nein, also für mich eindeutig keine Honeymoondestination, zu viel Postkartenklischee. Wird nicht mal eine Fototapete oder ein Bildschirmhintergrund.

Aber jetzt ging es unter Wasser. Da wurde mir mal kurz die Luft zu knapp, vor allem, wenn Plankton dir bis zu den Nasenflügeln schwimmt. Als ich meine Sauerstoffversorgung wieder unter Kontrolle hatte und man mich überzeugt hatte, dass ich KEINE Flasche mit Mundstück dafür brauchen würde, konnte ich die Unterwasserwelt genießen. Herumflitzende Fische, verspielte Delphine, nach denen ich mir wieder fast den Hals verrenkte, als ich versuchte, ihnen hinterher zu blicken. Da war er plötzlich. Ein majestätischer, riesiger Wal. Schwamm an mir vorbei, und sein sanftes Auge blickte mich direkt an, blinzelte mir liebevoll zu. Ich war versucht, wieder nach der Sauerstoffflasche zu rufen. Gleichzeitig meine Tränen zu unterdrücken, um die Brille nicht zu verschmieren. Für einen Augenblick hatte ich sie nämlich vergessen. Ich wollte die Hand nach ihm ausstrecken, griff jedoch ins Leere. Das wirkte dann fast überraschend.

Aus dem Wasser ging es weiter nach La La Land. Und das in staubtrockenen Klamotten. Ich stand mitten in Los Angeles, und junge Sänger und Tänzer gaben eine Show nur für mich. Umtanzten mich und sangen mir ins Ohr, versprühten Lebensfreude. Ich ertappte mich dabei, dass meine Füße wieder auf dem Boden standen und sich im Takt der Musik bewegten.

Dann wurde ich eiskalt überlistet. Ins Wasser gestoßen, Flucht nicht mehr möglich. (irgendwie vergisst man, dass man nur die Augen schließen oder sich die Brille von der Nase nehmen muss, aber man springt ja auch nicht einfach aus einem Flugzeug, oder?)
Ich saß im Sitz einer Hochschaubahn. Ehrlich, ich muss euch nicht erklären, wie das Erlebnis auf einer HOCHSCHAUBAHN ist, wenn man eine VR Brille trägt!
Ich glaube, ich habe gekreischt, die Luft angehalten, mich an allem festgekrallt, das sich in meiner Nähe befand (Gott gib´s, dass es nicht die Katzen waren, die waren dann eine Weile weg), ein Wunder, dass ich nicht im Sitzen umfiel.
Ich schwöre, danach war mein Tshirt nass, das hatte nicht einmal der Wal geschafft.
Anscheinend habe ich Amüsement ausgelöst, aber die Rache wird schlimm sein. Wer mich kennt, weiß, in diese Höllendinger steige ich nur, wenn man mich vorher betäubt. Oder mit dem richtigen Bodyguard. Der bereit ist, sein Leben für mich zu geben.

Wir kommen zum Grande Finale.
Weltraum. All. Planeten. Milchstraße. Saturn, der Feuerball Sonne (der mein Tshirt wieder trocknete), Abermillionen Sterne. Und unter mir taucht majestätisch als riesiger blau-weißer Ball Mutter Erde auf. Bewegt sich in ihrem ewigen Kreislauf, ich schaue ihr zu, bin vom Rand der Welt gefallen.
Und da fließen meine Tränen ungehindert, eine Liebe zu diesem meinem Heimatplaneten erfasst mich, mein Blut rauscht durch meine Adern, und ich bin einfach dankbar, am Leben zu sein. Hier leben, atmen, SEIN zu dürfen, inmitten dieser Schönheit, dieser Vielfalt, dieser fruchtbaren Erde.
Glaubt mir, ich weiß um den Unterschied, durfte ich noch zehn Minuten davor am doch kargeren Mond herum hüpfen.

Ja, ich weiß, alles Technikkram, Spielereien, gefakte Realität. Aber ich habe es genossen, ich kippe rein in solche Dinge, meiner Technikaffinität sei Dank. Ich hätte noch stundenlang reisen und gucken können. Aber dann spürte ich leichte Kopfschmerzen und ein Schwindelgefühl, dann weiß man, es wird Zeit zu landen.

Dem Gehirn ist übrigens egal, ob eine Information aus echter oder rein gedanklicher Quelle stammt. Es reagiert auf den Reiz. Wenn man also jemanden virtuell umarmt, spüren das beide.


5 Gedanken zu “In 60 Minuten um die Welt und einmal um die eigene Achse

  1. Da bist du ja nochmal glimpflich davongekommen. Bei mir war der Wal ein Hai und die Hochschaubahn eine Geisterbahn … davon gibt es sogar irgendwo auf Youtube noch ein Video. 😉
    Aber grundsätzlich, ist schon beeindruckend, was? 😀

    Gefällt 1 Person

  2. OKAY 🙂 Dann kann ich ja von Glück reden, die Lightversion erwischt zu haben. Clown Pennywise aus IT hab ich erfolgreich verhindert! Aber stimmt, das ist schon beeindruckend! Ein Video auf Youtube von der Geisterbahn oder von DIR in der Geisterbahn? 😉

    Ich dachte mir, wer weiß, vielleicht „muss“ ich ja mal real in eine Hochschaubahn, dann besser mal üben, man weiß nie, wann man sich in einer wiederfindet! 😉

    Gefällt 1 Person

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