Serien-&Filmtipps

Serientipp: Chernobyl

Heuer jährt sich die Kernreaktorkatastrophe von Tschernobyl zum 35. Mal. Fernsehen und Medien überschlagen sich mit Berichten, Retrospektiven, Dokumentationen und Filmen. Ich habe mir die fünfteilige HBO&Sky Serie „Chernobyl“ angesehen und will sie euch an dieser Stelle empfehlen.

Ich denke, es ist nicht notwendig, hier anzuführen, was damals passiert ist. Das ist jedem von uns, vor allem denen, die alt genug waren, es bewusst zu erleben, bekannt. Ich erinnere mich gut an abgesagte Schulwandertage und die Empfehlung, auf Frischgemüse wie Salat und Spinat zu verzichten, vor allem aber auf Pilze aller Art. Selbst Milch galt in der Zeit als gefährliches Lebensmittel. Ich habe noch dieses mulmige Gefühl vor Augen, dass man sich nicht ohne Vorbehalt in die Wiese gesetzt hat. Selbstverständliche Freuden, wenn die Jahreszeit wärmer wird.

Die Serie ist aufwühlend, verstörend, macht fassungslos. Ich will an dieser Stelle erwähnen, weil es doch auch künstlerisches Schaffen ist, dass „Chernobyl“ großartig besetzt ist, die Ausstatter die Optik des Kommunismus in Kulisse und Kostüm authentisch getroffen haben. Es findet keine Sensationsheischerei statt mit besonders grausamen Bildern, jedoch geschont wird der Zuseher nicht.

Es geht vor allem um Wahrheit und Lüge. Vertuschung, gegen die sich Moral stellt. Apparatschik gegen wissenschaftliches Ethikverständnis. Patriotische Aufopferung und Imagepflege, Schein und verzerrter Nationalstolz.

Es findet immer wieder großes Weltgeschehen statt, welches die Menschen für kurze Zeit den Atem anhalten lässt, ihnen für einen Bruchteil so etwas wie Demut einhaucht. Dann geht es weiter wie vorher.
Das ist im großen globalen Geschehen so, wie auch im kleinen Kreis, im nächsten Umfeld.
Wie oft lügen wir, verdrehen Wahrheiten ein klein wenig, der Imagepflege wegen? Spielen Rollen, die uns selbst oder anderen gefallen? Mogeln uns durch, halten pikante Wahrheiten zurück, betrügen und hintergehen im schlimmsten Fall, um keine Konsequenzen fürchten zu müssen und mit heiler Haut davon zu kommen.

Menschen lügen immer. Selbst wenn sie die Wahrheit nur ein wenig „erweitern“, weil die Grundgeschichte zu fade wäre. Es gibt barmherzige Lügen, mit denen man jemanden schonen will, weil in dem Fall die Wahrheit vielleicht größeren Schaden anrichten würde. Es gibt charmante Lügen, den möchte man wem ins Gesicht sagen, dass er mit der neuen Frisur einfach unmöglich aussieht?

Trotzdem sollten wir uns, wann immer wir die Wahl haben, für die Wahrheit entscheiden. Wahrheit befreit, sie lässt uns gut schlafen, sie nagt dem Gewissen keine Randzacken und hat etwas Erhabenes.

In „Chernobyl“ gab es einen Monolog eines Wissenschaftlers, den ich hier zitieren und ohne weitere eigene Gedanken für sich stehen lassen will:

„Wissenschaftler zu sein heißt, naiv zu sein. Wir sind so eingenommen von unserer Suche nach Wahrheit, dass wir ganz übersehen, wie wenig überhaupt an ihr interessiert sind.

Aber es gibt immer eine Wahrheit. Ob wir sie nun sehen oder nicht. Ob wir sie sehen wollen, oder nicht. Der Wahrheit ist egal, was wir wollen oder brauchen, sie schert sich nicht um Regierungen und Ideologien und Religionen. Sie wird für alle Zeiten auf uns lauern, und das ist letzten Endes das Geschenk von Tschernobyl.

Wo ich einst den Preis der Wahrheit gefürchtet hätte, frage ich heute nur: was ist der Preis der Lüge?“

„Wir werden nie die tatsächliche Zahl der Todesopfer erfahren. Schätzungen bewegen sich zwischen 4000 bis 93000. Die offizielle Meldung der Sowjetunion ist seit 1987 unverändert: 31 Tote.“


(aus dem Epilog“Chernobyl“ HBO Skype)

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