Gesellschaft · Gesundheit & Wohlbefinden

Zweiklassenmedizin im Alltag: Wer bezahlt und wer profitiert?

Gesundheit an Geist und Körper treibt die Menschheit von jeher um. Was verständlich ist, denn ohne sie kann das Leben massiv beeinträchtigt sein.
Durch die sozialen Medien hat dies einen Höhepunkt erreicht, und dem nächsten ultimativen Heilsversprechen stehen alle Türen weit offen. Man ist bereit, sich auf sämtliche Behandlungsmethoden einzulassen und auch ordentlich dafür zu bezahlen. Bleibt die Frage offen, wofür man sein hart erarbeitetes Geld ausgibt – und vor allem für wen.

Auf Platz 1 der Unbeliebtheit und des Misstrauens steht wahrscheinlich die Pharmaindustrie.
Sicher, die wollen ihr Geld verdienen, jeder Konzern will das. Wollen sie uns absichtlich krank machen oder halten? Wenn ja, dann nur so weit, dass wir trotzdem imstande sind, unsere Jobs zu verrichten. Sie werden uns also tendenziell nicht umbringen wollen, ist man doch auf unsere Arbeits- und Kaufkraft angewiesen. Ist die Pharmaindustrie böse? Wohl kaum, sie folgt einfach der Logik eines Systems. Und nebst allen Vorwürfen muss man trotzdem ins Feld führen, dass dabei immer wieder Sachen herauskommen, die tatsächlich unserer Heilung dienen, Medikamente, die Leben retten und die manche Krankheit deutlich verbessern.
Auch die Schulmedizin kommt nicht beliebter daher. Man klagt über Personal- und Zeitmangel, über oberflächliche Diagnosestellung und/oder Behandlung. Auf eine Operation muss man mittlerweile ein Jahr warten. Und überhaupt gibt es nur noch Privatärzte.
Alle böse oder wie? Nein, es sind alles nur Figuren in einem Gesundheitssystem, das in ein profitorientiertes Konstrukt eingebettet ist – in dem ständig gekürzt, gespart und nur noch das absolute Minimum angeboten wird. Für den Luxus der hochwertigeren Behandlung wird man zur Kasse gebeten.

Die Menschen sind zu Recht unzufrieden und enttäuscht. Und genau hier werden sie von ganz anderen Berufsgruppen aufgefangen: den Heilpraktikern, der Energiearbeit, alternativer Medizin und Seelenhygiene. Wie freundlich man hier willkommen geheißen wird! Mit offenen Armen und jeder Menge Zeit. Man wird liebevoll behandelt und vor allem ernst genommen. Stundenlang wird einem Aufenthalt gewährt, und das alles natürlich aus reiner Menschenliebe. Dafür ist der Spaß aber recht kostspielig.

Man muss innerlich schmunzeln, wenn wieder behauptet wird, Big Pharma gehe es nur um Geld, denn die Heilpraktikerin, die 250 Euro für ihre „ganzheitliche“ Behandlung kassiert, handelt eindeutig selbstlos. Das läuft dann unter „energetischer Ausgleich“. Egal ob Homöopathie, Bachblütenberatungen, Chakrenheilung, Trancereisen oder spezielle Kräutertinkturen – das natürliche Verfahren hat seinen Preis. Über den wird selten gemurrt, denn der Mensch ist leicht zu fangen, wenn man ihn nur liebevoll umgarnt. Fehlende Studien bei alternativen Behandlungen gehen übrigens völlig in Ordnung, anekdotische Evidenz und ein wenig Glauben reichen doch. Ganz im Gegensatz zu neuen Impfstoffen, bei denen der Ruf nach mehr Forschung weit strenger ist. Möglicherweise weil man der „Chemie“ dann doch mehr Wirkung zutraut? Ansonsten gilt: Hilft die alternative Behandlung nicht, so schadet sie zumindest nicht. Außer der Geldbörse.
Doch auch alternative Heilpraktiker handeln nicht „hinterlistig“ – sie spielen ebenfalls ihre Rolle im System, nur mit einer anderen Berufung. Was sie stellenweise, zugegeben, viel geschickter verpacken und vermarkten. Ob das dann auch immer unter seriös zu verbuchen ist, steht auf einem anderen Blatt. Aber wir wollen sie doch nicht mit der Pharmaindustrie in einen Topf werfen. Nein, das würde eindeutig zu weit gehen.

Eine echte, nein, die einzige Alternative wäre eine stabile gesundheitliche Grundversorgung für jeden einzelnen, egal, aus welcher Schicht und Gehaltsklasse er kommt. Aber dazu müsste sich massiv etwas ändern, mehr als nur ein paar Reformen im Gesundheitswesen.
Ich arbeite tagtäglich mit Menschen, die mir ihre Sorgen erzählen. Die sich aufregen über den Arzt, der ihnen ein wahrscheinlich schädliches Medikament verschrieben hat. Über den Ausländer, der ihnen mit ziemlicher Sicherheit ihren Therapieplatz weggenommen hat, über die Frechheit der Drei-Klassen-Medizin und den Wucher der Privatärzte.

Ich sitze neben den zu Recht unzufriedenen Menschen und denke mir: Nicht dein Arzt, nicht der Ausländer oder dein Medikament sind schuld. Niemand ist schuld. Alle sind Rädchen in einem übergeordneten Konstrukt, das sich generell nicht sonderlich für die Bedürfnisse einzelner Individuen interessiert. Ich kann nur versuchen, ihnen klarzumachen, dass sie nicht allein sind und sie keine Sündenböcke suchen sollten, schon gar nicht unter denen, die im selben Boot sitzen. Dass Gesundheitsversorgung schlicht und ergreifend nicht in privater Hand liegen dürfte.

Es ist schwer zu begreifen für die Leute, dass sich niemand für ihre gesundheitlichen Probleme zuständig fühlt. So gut es mir möglich ist, versuche ich, sie für die Dynamik zu sensibilisieren und vor allem vor fragwürdigen Heilmethoden zu warnen. Nur weil es hübscher verpackt ist, steckt dahinter zumeist nicht das bessere Angebot …

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