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Misogynie als Symptom eines kranken Systems?

Bestimmt haben viele von uns den medialen Aufschrei rund um zwei prominente Männer, einen Schauspieler aus Deutschland und einen österreichischen Sänger, mitbekommen. Für beide gilt die Unschuldsvermutung – sie stehen im Verdacht, Frauen missbräuchlich behandelt zu haben. Ob virtuell, emotional oder physisch, soll hier keinen Unterschied machen, denn generell haben Statistiken gezeigt, dass die Gewaltbereitschaft gegen Frauen wieder auf dem Vormarsch ist. Im Zuge dieser Geschichten, die noch dazu von der medialen Präsenz der Epstein-Files flankiert sind, möchte ich folgende Überlegungen anstellen und das sensible Thema auch von einer anderen Seite beleuchten.

Zum einen, dass sich Frauen erstaunlich oft auf die Seite der Täter stellen. Da wird eine Form der Misogynie sichtbar, die einen fast noch bittereren Beigeschmack hat. Wenn also weibliche Stimmen laut werden, die ihrer Geschlechtsgenossin raten, sich doch nicht so anzustellen, sie verdächtigen, nur auf Rache, Geld oder einen Karriereschub aus zu sein, oder ihr eine Teilschuld zusprechen, dann sind sie Teil des Problems. „Wäre sie halt nicht mitgegangen.“ „Hätte sie sich nicht so angezogen.“ „Das hätte sie bei dem Typen doch wissen müssen.“ Aussagen, die nicht nur von Frauen kommen, speziell von ihnen allerdings noch mal in einem ganz anderen Licht erscheinen.
Auch ich war früher vor solch beurteilenden Schnellschüssen nicht gefeit, aber das habe ich als Muster enttarnt. An der Stelle möchte ich gar nicht abstreiten, dass (haltlose) Missbrauchsvorwürfe in Ausnahmefällen tatsächlich für fragwürdige Zwecke benutzt werden, jedoch nicht in einer so hohen Anzahl. Für gewöhnlich handelt es sich wahrscheinlich um keinen spontanen Entschluss, sich vor der breiten Öffentlichkeit dermaßen angreifbar zu machen. Und mit Angriffen spart die Gesellschaft nicht.
Wenn Männer sich dann eher mit den Opfern solidarisieren als das weibliche Publikum, dann sollte uns das nachdenklich stimmen.

Der Sänger hat sich öffentlich entschuldigt und wurde dafür von vielen Menschen gefeiert, auch hier erstaunlicherweise von zahlreichen Frauen, mutmaßlich Fans. Andere wiederum hat genau diese Entschuldigung irritiert. Zu Recht, wie ich finde.
Während sich die Opfer nicht so anstellen sollen oder abgestempelt werden, wird sein vermeintlicher „Mut“, zu seinen Fehlern zu stehen, beklatscht – kein Mensch sei doch perfekt. Der Mann, der den Kampf mit seinen „inneren Dämonen“ aufnimmt, wird gegen die Frau, die eben hätte wissen müssen, worauf sie sich da einlässt, in die Arena geführt. Dazu sage ich: Nicht immer ist sich die Frau einer potentiellen Gefahr bewusst, denn oft kommt diese erfolgreich, prominent oder einfach nur charmant daher.
Scham sollte die Seite wechseln, und wenn eine Frau sich wehrt, sollte sie nicht als Kampfemanze lächerlich gemacht werden. Hinter dem, was vorschnell als „Männerhass“ betitelt wird, verbergen sich vielleicht Erschöpfung, Wut und Enttäuschung über sich immer wiederholende Vorfälle. Sicher, es gilt #notallmen – aber dazu möchte ich ein Reel eines Mannes zitieren: „Es sind nicht alle Männer, aber es sind immer wieder Männer.“ Laut Statistik in über 90 % der Verdachtsfälle. Nein, Frauen sollen nicht schweigen. All die namenlosen, auf die kein Licht der Öffentlichkeit fällt und die deshalb ungehört bleiben,

In Zeiten, in denen das Aufleben althergebrachter Rollenbilder gefeiert wird und der Begriff der „Trad Wife“ einen eigenen Hashtag hat, sollten die Alarmglocken läuten. Derartige Tendenzen machen es der Gesellschaft leicht, patriarchale Strukturen und ungleiche Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten. Sie tragen dazu bei und treten jeden Erfolg, den Frauen vor uns für uns erkämpft und erstritten haben, mit Füßen.
Womit wir auch bei dem Thema wären, das möglicherweise den Finger in die Wunde allen Übels legt. Das Problem sind nicht die Einzelschicksale – das Problem ist weit globaler, nämlich das System respektive die Struktur, in der wir leben.

Erstens sollten wir ein System hinterfragen, das einen derart überdimensionierten Personenkult um Künstler*innen möglich macht. Es erstaunt wenig, dass ein Mensch mit solchem Ruhm und Erfolg überhaupt nicht umgehen kann und dies oft nur mit Drogen erträgt. Er wird so weit nach oben gepusht, dass er sich irgendwann womöglich für unantastbar hält und keine Konsequenzen mehr für sein Handeln fürchtet. Folgerichtig sollten wir uns auch nicht nur empören, wenn es Personen öffentlichen Interesses betrifft, sondern genauso bei Menschen aus dem direkten Umfeld.
Weiters sollten wir darüber nachdenken, wie es möglich sein kann, dass wir die letzten Jahrzehnte auf eine ungerechte Wirtschaftsordnung mit patriarchalen Strukturen aufmerksam machen wollten, jetzt allerdings sehenden Auges wieder auf die Ausgangssituation zusteuern. Völlig logisch, dass wir den Drang zur Überhöhung in Männern, die wahrscheinlich ebenso verunsichert sind, fördern. Und dann ist der Schritt, Frauen zu erniedrigen und die eigene Dominanz auszuspielen, ein leichter.

Warum haben wir es uns in einem System so wohlig eingerichtet, das uns in einem immerwährenden Konkurrenz- und Geschlechterkampf gegeneinander antreten und langsam die Menschlichkeit verlernen lässt? Wir halten Dinge für normal und gegeben, weil die Welt nun einmal so läuft.
An dem Punkt möchte ich noch ein paar Worte zu meinen oben angedeuteten enttarnten Mustern verlieren: Auch vor uns Frauen macht eben jenes salonfähige Konkurrenzdenken nicht Halt – und wenn dieses sich noch mit Verlustängsten paart, hacken wir auf die Geschlechtsgenossin ein, die unsere Solidarität bräuchte. In Wahrheit ist dies eine Schwäche, die wir uns eingestehen sollten. Wenn wir also das nächste Mal abwägen, wer denn nun Täter oder wer Opfer ist, sollten wir in Erwägung ziehen, dass es in letzter Instanz möglicherweise beide sind.

Die Ursachen mögen tief verwurzelt in unseren kranken Strukturen liegen, trotzdem soll der hier genannte Tatbestand für sich stehen, sollte er die Brisanz nicht verlieren.
Wahrscheinlich braucht es diese lauten Aufschreie. Diese Aufschreie, von denen ich hoffe, dass sie nicht einfach wieder verhallen, sondern ein Umdenken anstoßen: Sind echte Gleichberechtigung, die Auflösung sämtlicher Machtstrukturen mit ihren daraus resultierenden Gefällen und ein Zusammenleben auf tatsächlicher Augenhöhe in dem System, in dem wir uns befinden, überhaupt möglich?
Darüber sollten wir uns alle Gedanken machen. Mann wie Frau.

Diesen Beitrag widme ich M. 💝

2 Kommentare zu „Misogynie als Symptom eines kranken Systems?

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