Gedankensplitter

Kunst ist relevant

Vor kurzem habe ich einen Künstler eine flammende Rede halten hören, die mich sehr berührt hat. Es ging darum, dass die Gesellschaft den Künstler*innen gegenüber von jeher feindlich eingestellt war und nach wie vor ist.
Wohlgemerkt – diese Abwehrhaltung oder Geringschätzung richtet sich nicht gegen die Kunst selbst, sondern eher gegen jene, die sie erschaffen. Sie gelten als Idealisten, Faulpelze oder Tagträumer, als Menschen, die ihren Kopf in den Wolken tragen oder sich gar für etwas Besseres halten und sich deshalb die Hände nicht mit „ehrlicher“ Arbeit schmutzig machen wollen.
Die Zahl der Künstler*innen, die Zeit ihres Lebens am Existenzminimum, von der Hand in den Mund und in Abhängigkeit von manch spendabel eingestellter Mäzene leben mussten, spricht für sich. Und nicht selten werden ihre Werke posthum für Millionen verkauft. Sie selbst haben keinen Cent dafür gesehen, geschweige denn die Würdigung erfahren, die ihnen zugestanden hätte.
Große Denker und Philosophen, Männer wie Frauen, wurden skeptisch beäugt und oftmals sogar angeklagt. Heute lernen wir von ihnen aus Büchern oder Podcasts und lassen uns von ihren Ideen und Gedanken inspirieren. Stellenweise leisten sie uns direkte Lebenshilfe.

Ich glaube, die meisten sind sich einig, dass Kunst etwas ist, das quasi jeden Menschen begeistert. Ein Leben ohne sie wäre trostlos, leer, ja, lebloser. Die Kunst war von jeher prägend für ganze Generationen, hat den Jahrzehnten und Jahrhunderten ihren Stempel aufgedrückt und ist noch immer maßgeblich gesellschaftsrelevant.
Warum also müssen Kunstschaffende auch heute noch um eine gerechte Bezahlung bangen und bitten – darum, im gleichen Maße ernst genommen zu werden wie jede andere Berufssparte? Und anstatt sich langsam in die richtige Richtung zu bewegen, macht man es noch schlimmer, indem man Streamingdienste ihre Werke für mau verheizen lässt. Ganz zu schweigen davon, dass man sich dann auch noch beklagt, wenn man für ein Album oder einen Film zusätzlich ein paar Euro bezahlen muss.

Wie viele von euch erinnern sich noch daran, was Bob Geldof mit seinen Projekten „Band Aid“ und „Live Aid“ auf die Beine gestellt hat? 1984 herrschte eine verheerende Hungerkatastrophe in Afrika und die Welt sah zu. Leute aus den Regierungen wie Margaret Thatcher und der damalige US-Präsident Ronald Reagan waren zu sehr mit den Auswirkungen des Kalten Krieges und dem immer präsenter werdenden Kapitalismus beschäftigt, als dass sie sich um die Probleme eines fremden Landes hätten kümmern wollen. Es war ein Künstler, der nach einer BBC-Dokumentation nicht mehr wegsehen konnte, der andere Künstler und Künstlerinnen zusammentrommelte und an einem Tag „Do They Know It’s Christmas?“ aufnahm.

Damit begann eine Lawine der Hilfsbereitschaft zu rollen, die nach und nach auf andere Länder überschwappte: USA for Africa, Band für Afrika, Austria für Afrika und noch viele mehr folgten seinem Beispiel. Allein die durch die Plattenverkäufe von Band Aid generierte Summe übertraf im entsprechenden Zeitraum das Niveau der gesammelten UNICEF-Spenden. Die Politik sah sich gezwungen mitzuziehen, sonst hätte sie das ihr Gesicht gekostet. Dies führte dazu, dass auch die Mehrwertsteuer der Plattenverkäufe für die Hungernden in Afrika gespendet wurde. Aber das war nur der Anfang.
Am 13. Juli 1985 fand ein ebenfalls von Bob Geldof organisiertes Konzert unter dem Namen „Live Aid“ statt, welches zeitgleich in London und Philadelphia über die Bühne ging. Viele der namhaftesten Bands, Sängerinnen und Sänger der damaligen Epoche gaben sich die Ehre und fast 2 Milliarden Zuschauer verfolgten das Spektakel vor den Bildschirmen. Hierbei kamen Schätzungen zufolge etwa 150 Millionen Pfund an Spendengeldern zusammen. So hatte die Kunst geschafft, was den Mächtigsten nicht gelungen war. Bis heute sucht diese Welle der Hilfsbereitschaft ihresgleichen.

Leider wurden die Probleme der Welt auch hierdurch nicht nachhaltig gelöst, weil die Macht des Kapitalismus das Geld nach wie vor immer ungerechter verteilt. Aber darum soll es heute nicht vordergründig gehen. Ich wollte bloß ein eindrucksvolles Beispiel bringen, welchen Einfluss die Kunst und vor allem die Kunstschaffenden haben können bzw. könnten, wenn man sie ließe. Wenn man sie unterstützen, fördern und ihnen zuhören würde.
Möglicherweise würde es die Welt zu einer besseren machen, wenn man der Politik und vor allem der Wirtschaft ein Stück ihrer Macht nehmen und an andere Kreise abgeben würde. An jene, die sich ehrliche und aufrichtige Gedanken machen, die etwas verändern wollen. Selbstverständlich sind das nicht nur Künstler*innen; Idealisten, Philanthropen, Tierfreunde oder ganz allgemein Menschen, die von einem Gefühl angetrieben werden, etwas erreichen zu wollen, das nicht nur ihnen selbst dient, findet man vielerorts. Dennoch sollte eines klar geworden sein: Kunst ist definitiv systemrelevant. Mehr, als wir oft denken.

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