Inspirierende Persönlichkeiten

David Bowie

Manche Menschen inspirieren sowohl durch Werk als auch Persönlichkeit. David Bowie ist so einer für mich. Bei ihm war es immer auch der Mann und Mensch hinter der Kunst, der mich faszinierte.
Es stellt sich die Frage, ob man sich in einer ikonischen Stilfigur seines Kalibers (wenigstens zum Teil) wiederfinden kann. Die Antwort lautet ganz klar: Ja, man kann.

David Bowie beschrieb sich selbst als scheuen Charakter, der lieber für sich war als unter vielen Leuten. Diese Schüchternheit wurde noch schlimmer auf der Bühne, vor Menschen. Um dem zu entkommen, beziehungsweise um sich dabei sicherer zu fühlen, erschuf er Rollen, die später zu Klassikern der Popkultur wurden. Er färbte sich die blonden Haare orange, malte sich Sterne und Zackenlinien ins Gesicht und schlüpfte in extravagante Kostüme – Ziggy Stardust war geboren, das Idol einer ganzen Generation.

Über „Major Tom“ sagte Bowie einmal, dass er es zwar faszinierend fände, selbst aber nicht auf Idee käme, ins Weltall zu fliegen. Ihm würde es schon Respekt einflößen, ans Ende seines Gartens zu gehen. Major Tom war für ihn eine Art Talisman; der Weltraum stand für Freiheit. Die Abenteuer durften seine Fantasiewesen für ihn erleben und bestehen – er sah ihnen dabei zu.
Kann ich verstehen, denn ein großer Teil meines Lebens spielt sich im Kopfkino ab. Und dort ist er auch gut aufgehoben, man muss nicht alles ausprobieren und real erleben. Die Wirklichkeit kann dem oft nicht standhalten und nicht für alles ist man tatsächlich geschaffen.

Die 70er mit ihrem „Sex, Drugs and Music“-Hype rissen die Menschen mit. David sagte später, dass sein Leben sehr erfüllt und glücklich gewesen war – bis auf diese Jahre. Den Drogenkonsum bezeichnete er als „die verschwendete Zeit seines Lebens“, von der er in den Jahren danach, die er in Berlin verbrachte, Abstand nahm. Berlin war für ihn Freiheit, Distanz zum Rockstarleben, der Sucht. Berlin war Selbstfindung.
Weil zeit meines Lebens der Wunsch vorherrschend war, die intensivsten Dinge bei klarem Verstand zu erleben, beeindruckte mich diese souveräne Abgrenzung.

Seine Liebe zu Berlin zeigt sich in seinem Gastauftritt im damals erschienenen Kultfilm „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. So trostlos und verstörend der Film ist, die Szene, in der die Kids zu „Heroes“ laufen und laufen und laufen, die schrieb Kinogeschichte. Das Gefühl der Unbesiegbarkeit in der Jugend, das hier dargestellt wurde, und die Musik gingen geradezu eine Symbiose ein. Ja, „Heroes“ war die perfekte Hymne dafür. Genauso wie es unsere Hymne war – obwohl wir uns dazu nur in der Dorfdisco die Füße wund tanzten.
Auch in „Where Are You Now“, einem seiner letzten Songs, findet sich Berlin wieder. Darin besingt er bekannte Orte wie den Potsdamer Platz, die Nürnberger Straße und das KaDeWe. Ein melancholisches, fast traurig anmutendes Lied.

Über das Leben im Rampenlicht meinte David Bowie, dass Ruhm Hohlheit in den Menschen erzeuge. Ein Popstar zu sein, sei angenehm, wenn es einem einen Platz im lange ausgebuchten Restaurant oder Zutritt zum Backstagebereich sämtlicher Konzerte verschafft. Ansonsten habe es sich für ihn grässlich angefühlt, „wie das Leben in einer luxuriösen Psychiatrie“.
Er war der Ansicht, dass zu viel Popularität dem Menschen seine Tiefe raube. Man verkaufe und verbiege sich. Zitat: „Ich halte es für sehr gefährlich, wenn ein Künstler die Erwartungen anderer Menschen erfüllen will.“ Er meinte, dass er immer gut war, wenn er für sich selbst schrieb, und selten, wenn er es für andere und den Applaus tat.

Seine größte Muse, sein Ruhepol, Herzheimat und Lebensliebe war seine Frau Iman. Sie erdete ihn und gab der ewig suchenden Seele ein Zuhause. Und Bowie hat dieses Geschenk erkannt. Die Liebe zu ihr hat ihn immunisiert gegen die Maßlosigkeit, die ständigen Außenreize, den Umtrieb und die Ruhelosigkeit. In einem Interview zu seinem Tod zeigte sie ihre Kette mit dem Schriftzug „David“. Sie sagte darüber, dass sie diese bis zu ihrem Tod nicht wieder abnehmen würde.
Eine Musikerin, die ihn auf einer seiner letzten Tourneen begleitete, erzählte, dass er so gut aussah wie nie zuvor. Besser noch als in jungen Jahren. Und als sie ihm das auch kundtat, antwortete Bowie ihr, als sei es die einzig selbstverständliche Erklärung: „Ich bin glücklich verheiratet.“

Und dann wäre da noch das Musical. Danke, David, dass du allen Skeptikern und vermeintlich Kunstsinnigen die lange Nase gezeigt hast, du Ausbund an Understatement, als du gemeint hast, du wolltest schon mit 17 Jahren ein Musical schreiben, da du es für das Größte hältst.
Es sollte aber noch eine Weile dauern, bis „Lazarus“ das Licht der Welt erblickte. Tatsächlich fand die Premiere Ende 2015 statt, als Bowie – bereits vom Krebs gezeichnet – persönlich den Proben und auch der Uraufführung beiwohnte. In dem Werk verarbeitete er den Stoff, der ihn ein Leben lang umtrieb: das Thema von „Der Mann, der vom Himmel fiel“. Er gab damit jenen ein Gesicht, die sich fremd fühlen auf dieser Welt, verloren sind, heimatlos. Sich nirgends zugehörig fühlen.
Zunächst weigerte sich David, seinen größten Erfolg „Heroes“ mit in das Stück zu nehmen, konnte aber überredet werden, ihn am Ende in einer einzigartigen, melancholisch zarten Interpretation zu verewigen. Gott sei Dank, denn ich hatte Tränen in den Augen, als ich das Lied in der Form zum ersten Mal hörte. Ich fühlte mich an verschiedene Anteile in mir erinnert: den, der sich damals die Seele aus dem Leib tanzte, und jenen, der mich so oft still hinhören lässt und auf die leisen Töne des Lebens achtet.

Ein witziges Detail zu Bowies Musicalaffinität: Seine ursprüngliche Idee war es, „1984“ als Musical zu verarbeiten. Da stellte sich aber die zweite Mrs. Orwell quer, die meinte, dass sich „diese Rock-’n’-Roll-Typen sicher nicht am Werk [ihres] Mannes vergreifen würden.“
„Lazarus“ war eines der letzten Videos von David Bowie. Da wusste er bereits, dass die Krankheit gesiegt hatte. Im Januar 2016 erschien sein letztes Album „Blackstar“. Ein abschließendes musikalisches Statement. Ein Werk, das man eher verstehen muss, denn es sich zur Unterhaltung anhören. Zwei Tage nach der Veröffentlichung verstarb der Musiker.

Ich habe David Bowie einmal live erlebt, ziemlich weit vorne an der Bühne, eingeklemmt zwischen Menschen. Ein Umstand, der gar nicht zu meinem Wesen passt, halte ich mich doch normalerweise von Ansammlungen jeder Art fern. Hier jedoch konnte ich die Augen nicht abwenden, so sehr nahm er mich gefangen.
Die Setlist könnte ich nicht mehr aufsagen. Ihn, seine Aura, seine Bewegungen und was er ausstrahlte, habe ich allerdings fotografisch abgespeichert. Und damit bin ich sicher nicht allein.
So bleibt seine Person unvergessen, auch wenn er nicht mehr unter uns weilt.

David, der Mann. Optisch betörend. Der kühne Haarschwung, die zweifarbigen Augen, die androgyne Statur, Ausstrahlung eines Elfen. Manchmal wirkte er tatsächlich wie nicht von dieser Welt. Seinen nicht plakativen Sexappeal hat er selbst perfekt zusammengefasst: „Ich bin ein geborener Bibliothekar mit einem Sexualtrieb.“
Sein Humor? Auf die Frage, was er denn gern als sein Vermächtnis sähe, antwortete er, dass die Menschen nach seinem Tod über ihn sagen werden, er habe großartige Frisuren getragen.

David, einzigartiger Sternenwanderer – Hero.

8 Kommentare zu „David Bowie

  1. Die „Heroes“-Szene aus „Christiane F.“ ist wirklich herzzerreißend.

    Gary Oldman, der ja gut mit Bowie befreundet war, sagte kürzlich: „Don’t you feel that since he died, the world’s gone to shit? It was like he was cosmic glue or something. When he died, everything fell apart.“ Die „Theorie“, ich habe schon albernere Theorien gehört, existiert freilich schon länger, aber es ist schön, daß einer wie Gary Oldman das nochmal zusammenfasst für uns. 🙂

    Als ich vor ein paar Jahren in Klosterneuburg war und auch vor dem ehemaligen Sanatorium in Kierling stand, in dem Kafka verstorben ist, war mir bewußt, daß ganz in der Nähe Bowie die Gugging-Künstler besucht hat, 1994, und daß dieser Besuch Teil der komplexen Genesis von „1. Outside“ ist. Ich liebe dieses Album so sehr. Und gerade ist ein Buch erschienen, das ich Dir nur heiß empfehlen kann, „Sternenmenschen – Bowie in Gugging“ von Uwe Schütte. Es hat ein paar winzige Fehler, die man dem Autor aber gern verzeiht. Schon die Fotografien von Christine de Grancy werden Dich begeistern.

    Jemand sagte mal über Bowie, he was excited by art. Excited by art bin ich, seit ich ein Bewußtsein habe, von so vielem und so vielen, aber jedes Jahr empfinde ich ein wenig mehr, daß Bowie wohl der Künstler ist, der für mich noch über allem steht. Als er starb, war ich tagelang nicht zu gebrauchen, und ich bin genaugenommen immer noch nicht darüber hinweg. „Blackstar“ ist #001 meiner 111 Lieblingsvideos, „Lazarus“ #111.  Damals schrieb ich dies, und ich versuchte, mit ein paar Texten, „Ereigniskarten“, das Unwirkliche zu verarbeiten, das immer noch nicht ganz wirklich ist. Aber wie dankbar können wir sein, in einer Zeit zu leben, in der uns Bowies Kunst begleitet hat, immer begleiten wird. Danke für Deinen schönen Text!

    https://christian-erdmann.com/2022/10/15/david-bowie-has-left-the-planet/

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    1. Wow, herzlichen Dank für deinen sehr besonderen Kommentar, deinen Buchtipp, deine ganz persönlichen Eindrücke dieses Ausnahmekünstlers. Ich danke dir, dass du das mit mir teilst.
      Ich will dem gar nichts hinzufügen, das soll für sich stehen.
      Eins vielleicht noch: Ich habe Daid Bowie in Wien gesehen, das war, glaube ich, sogar 1994, als er Gugging besuchte. Die Bühnenshow war davon inspiriert und dementsprechend packend …
      Alles Gute dir!

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  2. David Bowie ist mir nicht wirklich geläufig, aber dein Beitrag über ihn liest sich so, als sei er ein sehr beeindruckender Musiker gewesen. Scheint ein imposanter Künstler gewesen zu sein.
    Schönen Sonntag, Gruß Bea

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  3. Ein ganz besonderer Wegbegleiter. Das verstand ich aber auch erst richtig als er von uns ging.

    Letzte mal wo ich ihn auf der Bühne sah war sein Gastauftritt bei David Gilmour. Im Duett bei „Comfortably Numb“. Gänsehaut pur wie er diesen Song mit seiner Persönlichkeit neu inspiriert und völlig andere Perspektiven einbringt.

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