Wenn wir diesen Namen lesen, denken wir vermutlich alle sofort an ein unglaublich starkes Mädchen, das mit einem Pferd und einem Äffchen in der Villa Kunterbunt lebt, auf Konventionen pfeift und sich die Welt macht, „wie sie ihr gefällt“. Aber auch das Leben ihrer Schöpferin verdient einen Seitenblick.
Astrid wurde 1907 auf dem schwedischen Land geboren und hatte das Glück, eine Kindheit zu erleben, die von Freiheit und Kreativität geprägt war, trotzdem die Eltern auch Strukturen nach streng religiösen Werten erschufen. Ob fiktiv oder wahr, herrlich die Szene in der filmischen Biografie „Astrid“, als sie mit ihren Eltern in der Kirche sitzt, der Pfarrer von Sodom und Gomorrha predigt und Astrid ständig die Worte „Guten Morgen“ und „Limonade“ im Kopf hat. Wie wir uns erinnern, gab es bei dem Fräulein in der kunterbunten Villa Limonade in einem hohlen Baum, an die man erst kam, wenn man einen Plastikarm betätigte und „Guten Morgen“ sagte. Den Film „Astrid“ kann ich euch wärmstens empfehlen, er ist zart und feinsinnig.
Die junge Astrid musste ihre Emotionen, mit denen sie reich beschenkt war, manchmal einfach laut ins leise schwedische Hinterland hinausschreien. Unvergleichlich, wie sie sich generell von ihrem Herzen lenken ließ.
Ihr großes Schreib- und Sprachtalent verhalf ihr zu ihrer ersten Stelle als Volontärin bei der örtlichen Zeitung. Die erste große Liebe bekam sie gleich dazu serviert, und so wurde sie mit gerade mal achtzehn Jahren schwanger – ausgerechnet von ihrem Chefredakteur. Das vermeintliche Idyll hatte den kleinen Schönheitsfehler, dass der schon eine Frau und eine Familie hatte und jeden Skandal vermeiden wollte. Für diese Beziehung verzichtete Astrid auf so einiges. Sie brachte das Kind heimlich in Kopenhagen zur Welt und drei Jahre wurde der kleine Lasse von einer Pflegefamilie großgezogen. Alles, um den Kindsvater zu schützen, damit der nicht von seiner Frau „wegen Unzucht angeklagt werden konnte“.
Es war eine traurige Zeit für die Schwedin. Ihr Sohn hatte kaum einen Bezug zu ihr. Als seine Pflegemutter schwer erkrankte, holte sie das Kind jedoch zu sich zurück. Sie zog mit ihm nach Stockholm und arbeitete als Sekretärin, wo sie alsbald Sture Lindgren kennenlernte. Diesen beschrieb sie als „feinen“ Menschen. Einen späten Heiratsantrag vom Vater ihres Sohnes lehnte sie ab. Sie hatte sich in ihrem Leben mittlerweile gut ohne ihn eingefunden.
Astrid hat sich nie unterkriegen lassen. Trotz des Skandals, als Unverheiratete schwanger zu werden, hat sie ihr Kind auf die Welt gebracht und sich als Alleinerzieherin und -verdienerin in der Großstadt durchgeschlagen. Ihre unerschöpfliche Kreativität, ihr Mut und ihre Authentizität sind auch für Frauen unserer Generation inspirierend. Denn zu ihrer Zeit war das bei Gott keine Selbstverständlichkeit.
Ich denke, die Bücher, derer sie über 160 Millionen verkaufte, die in so viele Sprachen übersetzt und auch verfilmt wurden, muss ich hier nicht extra vorstellen. Astrid behielt stets sämtliche Rechte daran, egal, ob Film oder Buch.
Pippi Langstrumpf erfand sie für ihre Tochter Karin, das Manuskript war ein Geschenk für sie. Man schrieb das Jahr 1941, das Mädchen lag krank im Bett und meinte: Mama, erzähl mir was von Pippi Langstrumpf. Die damals Siebenjährige hatte anscheinend die blumige Fantasie ihrer Mutter geerbt und liebte es, sich schräge Namen auszudenken. Astrid selbst lag mit einem verstauchten Fuß im Bett. Ich zitiere: „Was tut man da. Schreibt vielleicht ein Buch. Ich schrieb Pippi Langstrumpf.“ (Das entschwundene Land, S. 74). Die erste Zeichnung der frechen, sommersprossigen Rothaarigen, die schon als Kind Strumpfgürtel trug, hat Astrid selbst gezeichnet.
Der Hamburger Verleger Friedrich Oetinger gab das in Schweden umstrittene Werk heraus, nachdem es mehrere deutsche Verlage abgelehnt hatten. Pippi sei ein schlechtes Vorbild für Kinder. Gott sei Dank finden sich immer Menschen, die sich über solch konventionellen Unsinn hinwegsetzen und ihre eigenen Entscheidungen treffen.
Bis ins hohe Alter blieb Astrid eine engagierte Frau, die für Kinder- und Tierrechte kämpfte, sich starkmachte für den demokratischen Gedanken und das Gespräch mit Jugendlichen aus der rechten Szene suchte. Bis zuletzt war sie bekannt für ihren wunderbaren Humor. Zwei Beispiele dafür will ich hier nennen. Zum einen, als sie sich 1997 bei einer Preisverleihung („Schwedin des Jahres“) mit folgenden Worten bedankte: „Ihr verleiht den Preis an eine Person, die uralt, halb blind, halb taub und total verrückt ist. Wir müssen aufpassen, dass sich das nicht herumspricht.“ (Roswitha Budeus-Budde: „Da können sie alle lachen“ – zum 100. Geburtstag von Astrid Lindgren. In: „Süddeutsche Zeitung“, 14.6.2014)
Außerdem kletterte sie 1974 mit einer Freundin, die ihren 80. Geburtstag feierte, um die Wette auf einen Baum – denn schließlich gebe es „kein Verbot für alte Weiber, auf Bäume zu klettern“. Muss man sie dafür nicht einfach liebhaben? 🙂
Astrid Lindgren starb im Alter von 94 Jahren in Stockholm. Bei der Begräbnisfeier gaben ihr hunderttausende Menschen Geleit, hinter dem Sarg gingen ein Mädchen und ein weißes Pferd.
Astrid hat meine Kindheit wie keine zweite Autorin inspiriert und begleitet. Ich habe dank der „Kinder von Bullerbü“ noch heute ein Bild des perfekten Sommers in mir, da stimmt jedes Detail in meinem Kopf. Es war Astrid, die meine damals leere Leinwand mit dem ersten Farbklecks bemalt hat. Auch heute noch taucht in mir, wenn es Juni wird, dieses Bild auf, das wie eine kleine Sonne strahlt und mich das Blümchenkleid aus dem Kasten holen lässt. Ich habe den Verdacht, dass meine heimliche Liebe Schweden hier ihren Ursprung erfahren hat …
Zum Ende möchte ich noch einmal Pippi in den Fokus rücken:
Danke, liebe Astrid. Danke, dass du uns Mädchen die charmanteste, witzigste, frechste, warmherzigste, gerechteste, weltoffenste und süßeste „Feministin“ geschenkt hast, die die Welt je gesehen hat!
QUELLEN:
https://de.wikipedia.org/wiki/Astrid_Lindgren
https://de.wikipedia.org/wiki/Astrid_(Film)
https://www.geo.de/geolino/mensch/astrid-lindgren-autorin-leben-werk
FOTO:
imago/teutopress / https://www.geo.de/geolino/17799-rtkl-zitate-die-schoensten-zitate-von-astrid-lindgren
