Schlüssellochmomente

Schlüssellochmomente

In meinen „Schlüssellochmomenten“ nehme ich euch auf eine kleine Reise durch die Welt der atmosphärischen Bilder, die ich durch lyrischen Ausdruck zu malen versuchte, mit. In Auszügen aus Kurzgeschichten, die ich im Laufe der Jahre zu meinem eigenen Vergnügen schrieb, will ich bloß einen flüchtigen Moment des Einblicks gewähren – und euch damit anregen, euren eigenen Gedanken freien Lauf zu lassen und den Moment weiterzuspinnen …

Die beiden waren Sandkastenfreunde gewesen – er der große Bruder, den sie nicht hatte. Da ihre Mütter sich regelmäßig trafen, verbrachten sie einen Großteil ihrer Kindheit zusammen.
Das zarte Mädchen mit den schokoladenbraunen Augen und der blonde, schlaksige Junge, der damals schon Geborgenheit ausstrahlte. In seiner Gegenwart fühlte sie sich wie in einer Parallelwelt, in der all ihre Jungmädchensorgen ausgeblendet waren.
Sie sehnte seine Nähe herbei – mit kindlich offenem Herzen, noch fern jeglicher Körperlichkeit.
Unschuldige Anziehung, erste und reine Form von Zuneigung zu einem Menschen, der nicht Teil der eigenen Familie war. 


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Nun saß sie am Tisch seiner Mutter, die sie zufällig getroffen hatte. Gemeinsam blätterten sie in alten Alben, sahen Fotos von ihm als Junge, als Teenager und als Mann.
So lange her. Erinnerungen stiegen in ihr hoch, Gerüche, Farben, Stimmungen.
Sehnsucht erfasst sie. Wonach? Das vermochte sie nicht in Worte zu fassen. Sie widerstand dem Drang, eines der Bilder aus den Büchern zu entfernen und heimlich mitzunehmen.

Hatte sie das Wort „Sommerfest“ aufgeschnappt, eine Gelegenheit, wo sie sich wiedersehen konnten? Verklärt schaute sie seiner Mutter auf den Mund, hörte wie durch einen Nebel, was diese sprach.
Ihr Herz begann zu pochen. Sie würde ihn wiedersehen, nach all den Jahren würden sie sich als Erwachsene gegenüberstehen.
Innerer Aufruhr, auch wenn es nicht einmal einen Kuss gegeben hatte – bloß naive Schwärmerei, eine erste Ahnung vom Verliebtsein, das, wozu man eben fähig ist im Alter der berühmten „Sandkaste
nliebe“.

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Die Lichterketten verströmten warmes Licht in dem ansonsten dunklen Garten. Man konnte Insekten hören, es roch nach feinem Essen und der Magie einer Sommernacht.
Er saß auf der Hollywoodschaukel seiner Mutter, schenkte ihr ein Lächeln und klopfte auf den Platz neben sich. Sie kam seiner Aufforderung nach, wusste nicht, welcher der gebührliche Abstand wäre, wenn man sich Jahrzehnte nicht gesehen hatte.

Doch er breitete die Arme aus und sie ließ sich hineinfallen, als wäre sie zu Hause gelandet.

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