Gedankensplitter

Das vermeintlich Böse

Wie vermutlich jeder Mensch mache ich mir viele Gedanken über Gut und Böse, über die dunkle und die helle Seite – in mir, in anderen und in der Welt. Darin sehe ich kein Problem. Bedenklich wird es erst, wenn Menschen in ihren Beurteilungen die Grauschattierungen auslassen, nur mehr in Schwarz und Weiß einzuordnen vermögen. Das hemmt jede Reflexion, ist unüberlegt, aus der Hüfte geschossen und führt in Extreme. Vor allem, wenn es um Imagepflege geht, egal an welchem Ende der Schnur.

Natürlich existieren die beiden Pole. Um das große Ganze beurteilen zu können, muss man sich jedoch zuerst das eigene Kleine ansehen.

Jeder von uns verfügt über unliebsame Eigenschaften, über solche, die er ablehnt und schlicht aus sich verbannen will. Und jeder – da bin ich mir ziemlich sicher – hat schon einmal die Erfahrung gemacht, dass man sie umso effektiver zu stärken scheint, je mehr man sich dieser düsteren oder gar dämonischen Seiten entledigen will. Man begreift sich selbst nicht, würde sich am liebsten fortjagen.

Auf der anderen Seite steht die Erkenntnis, dass die dunklen Anteile ihren Schrecken sowie ihre Macht verlieren, wenn man ihnen das Gefühl vermittelt, angenommen zu werden. Wie alle Anschlusssuchenden stimmt es sie friedlicher, wenn man ihnen ehrliche Aufmerksamkeit schenkt.

Die Welt lebt von Gegensätzen. Man kann keinen dieser beiden Pole von der Oberfläche tilgen und damit rechnen, dass das Rad sich weiterdreht. Das Gleichgewicht würde kippen, Existenz und Weiterentwicklung wären nicht länger möglich – denn sie bedingen einander.

Ausgrenzung funktioniert nie, erst recht nicht im eigenen Inneren. Wenn man das vermeintlich Böse mit in die Runde holt, lässt es sich leichter kontrollieren. Man kann es beobachten und darauf Einfluss nehmen. Drängt man es hingegen in die hinterste Ecke, bäumt es sich auf und kämpft um sein Überleben. Wer weiß, vielleicht entscheidet sich der eine oder andere Dämon ja dazu, ein Engel zu werden, darf er eine Weile im Team sein.

Vermeiden wir es, die Welt in eine Schieflage zu bringen, indem wir uns dermaßen auf das vermeintlich Gute fokussieren. Dabei laufen wir nämlich Gefahr, kleingeistig und imageorientiert zu werden. Außerdem ist es gar nicht so einfach zu beurteilen, was gut und was nur gut gemeint ist. Es wird unterschätzt, dass man sich auch in etwas verlaufen kann, was der Mainstream für gut befindet. Im besten Fall streben wir schlicht danach, die beiden Pole an einem gesunden Punkt in der Mitte zu vereinen. Die Mitte glänzte nämlich schon immer golden.

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