Ich sehe euer staunendes Gesicht vor mir, was um alles in der Welt mich bewegt, über diese junge Frau zu schreiben.
Vielen wird dazu ihre Rolle der Hannah Montana einfallen, die sie zum gefeierten Kinderstar machte. Ein Los, das seinen Preis hat, beobachtet man diese jungen Talente in ihrem Erwachsenenleben. Stabile Persönlichkeiten sind da eher die Ausnahme.
Ihr wirklich großartiger Song „Wrecking Ball“ wurde überschattet von der Häme, die man ihr für den nackten Ritt auf einer Abrissbirne im dazugehörigen Video entgegenbrachte. Anderen wieder fällt sie durch die nicht immer besten Schlagzeilen auf: eine unschöne Trennung von der großen Liebe Liam Hemsworth, ihr Spiel mit ihrer Sexualität und ihrer plakativen Art zu provozieren. Manchmal will man sie einfach an der Hand nehmen und sagen, komm, pack deine Brüste und deine Zunge ein und hör auf, mit derben Sprüchen um dich zu schlagen. Dein Talent reicht völlig aus, um Menschen in deinen Bann zu ziehen.
Ich glaube nämlich, dass Miley eine oft zu Unrecht belächelte großartige Künstlerin ist. Als Tochter des Countrysängers Billy Ray Cyrus („Achy Breaky Heart“) wurde ihr die Musikalität praktisch in die Wiege gelegt. Sie wuchs in einem Ambiente der Bohème auf; über die Patentochter von Dolly Parton sagt man, dass sie schon als kleines Mädchen eine Stimme wie eine reife Diva hatte, dunkel und rauchig – ihr Timbre ist bis heute unvergleichlich. Eine Stimmbandoperation im letzten Jahr hat diesen Effekt bloß noch verstärkt.
Mileys Stimme hat einen großen Wiedererkennungswert. Sie kann etwas in die Stimme legen, was diese dann rotzfrech und rebellisch klingen lässt. Aber wenn sie berühren will und die leisen Töne anschlägt, dann ist man ihr hilflos ausgeliefert.
Bei „Miss you so much“ kann man sterben.Miley erlaubt man auch, Lieder zu covern. Manchmal gefällt mir ihre Interpretation besser als das Original. Live klingt sie, so finde ich, am besten. Die Kraft ihres Instruments entwickelt hier die geballte Energie. Sie klingt nicht glatt und trällert bis ins hohe C, wie so viele, die einem mit den schrillen Tönen die Trommelfelle malträtieren.
Vor kurzem schrieb eine Musikkritikerin eine Kolumne über sie, die mir sehr gefiel. Sie meinte, man solle Miley nicht nur auf ihre exhibitionistische Art zu rebellieren reduzieren, man solle sie eher dafür feiern, dass sie uns in tristen Zeiten mit ihren Frisuren, den Kleidern und all dem Glitzer auf ihren Augen den Glam-Rock einer alten Ära mit Künstlern wie David Bowie als schillerndes Pop-Chamäleon zurückbringt.
Was viele Leute an Miley verstört, ist ihre Art, der Welt ihre Gefühle ins Gesicht zu schleudern. Und davon scheint sie Unmengen zu speichern. Ihre Wege, damit umzugehen, das alles zu kanalisieren, wirkt, als würde ein trotziger Teenager sich ereifern und austoben. Ich habe das Gefühl, dass man sie dann nicht für voll nimmt, sie sich fiese Kommentare einfängt. Nach außen scheint sie das mit dem ausgestreckten Mittelfinger wegzustecken, aber in ihr Inneres will ich nicht blicken. Ich kann ihre ganze Verletzlichkeit und Sensibilität nur erahnen.
Aber warum habe ich ihr jetzt einen Blogeintrag gewidmet? Ich bin Fan ihrer Stimme, ihrer Frisur, ihrer bunten Bühnenoutfits, ihrer grenzenlosen Hundeliebe und ihrer ungefilterten Art, Drama zu erzeugen.
Aber da gab es noch etwas. Sie hatte bei der heurigen Super Bowl einen Auftritt. Eigentlich war sie der Nebenact. Eigentlich bestritt The Weeknd den berühmten Halbzeitauftritt. Geschrieben haben sie danach fast nur über sie. Über ihre Songs, ihre alten Hasen von Bühnenpartnern wie Billy Idol und Joan Jett. Und vor allem über ihre Tränen bei „Wrecking Ball“. Ihre Gefühle haben sie dabei übermannt, als ins Mikrofon flüsterte: „Es wird einfach nicht leichter.“ Sie macht keinen Hehl daraus, dass sie an der Trennung von ihrer großen Liebe Liam noch immer schwer trägt. Da haben sich ganz viele die Augen gewischt.
Ich habe mir ihren Auftritt im Netz angesehen, und ich bin plötzlich im Frühling gelandet. In der Sommerferienatmosphäre meiner Jugend sah ich mich in der Sonne liegen, mit meinem Mickymaus T-Shirt und hörte wie ein fernes Hintergrundrauschen „Sweet sixteen“ von Billy Idol. In dem Augenblick wusste ich, dass ich diesen Eintrag schreiben würde.
Danke, Miley, für diesen Moment. Der glitzert heute noch.

BILDQUELLEN: © imago images/UPI Photo, JOHN ANGELILLO via http://www.imago-images.de, http://www.imago-images.de
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Daumen hoch meine Liebe!!
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