Kurzgeschichten

Bergwelten – Teil 2

Es kam, dass er einen Auftritt in ihrer Heimatstadt hatte, und diesen Tag erlebte sie in der Rückschau wie eine Abfolge von Filmszenen. War das Fantasie oder Wirklichkeit gewesen?

Erfüllt mit einem inneren Lächeln freute sie sich dem Konzert entgegen, wo sie ihrem Alltag zu entfliehen vermochte, eintauchen würde in die Sphäre von Musik und Traum. Wovon genau sie träumte, das lag verschwommen vor ihr – vielleicht als Ahnung?

„Ihr“ Musiker hatte Schmerzen, die ihn davon abhielten, sein Instrument in Händen halten zu können. Ob sie sich denn bereit erklären würde, als Ärztin zu ihm zu kommen … ?
Es war nicht das erste Mal, dass sie zu einem Künstler gerufen wurde, weil ihre Praxis in der Nähe der Veranstaltungshalle lag.
Aber etwas war heute anders, sie konnte die Nervosität nicht unterdrücken. Vielleicht, weil sie sich diesmal dem Musiker näher fühlte, dadurch, was er mit seiner Stimme und seinem Instrument in ihr auszulösen vermochte.
Doch natürlich schaffte sie es, professionell zu arbeiten.

Seine Haut war glatt, von einer Beschaffenheit, wie Menschen sie haben, die sich viel im Freien aufhalten. Sicheren Griffes untersuchte sie ihn und fand zielsicher die Blockade. Mit der Magie ihrer geübten Hände gelang es ihr, die Spannung zu lösen. Seine Augen zeigten Überraschung, als er sich ihr zuwandte; er konnte kaum glauben, dass der Schmerz ihn plötzlich wieder verlassen hatte. Diese Augenblicke liebte sie, in denen sie Dankbarkeit in den Augen ihrer Patienten erkannte.
Er bestand darauf, sie zum Konzert einzuladen, worauf sie verschwieg, bereits im Besitz einer Eintrittskarte zu sein.

Sie tauchte wieder einmal vollkommen ab. Fischte in den Gewässern von Freiheit, inneren Räumen und Bildern. Nichts konnte sie weiter und intensiver entführen als Musik. Sphärische Klänge drangen an ihre Ohren, vertraute Melodien aus längst vergangenen Tagen ließen unbeschwerte Erlebnisse mit ihrem Vater vor ihrem geistigen Auge auftauchen, die erste Liebe – ein einziger Fotostreifen aus Erinnerung. Sie fühlte sich aufgehoben und geborgen in seiner Klangwelt.

Nach solchen Erlebnissen war sie gern für sich, schwamm in ihrer eigenen Weite, ließ die Türen jedoch ein wenig offen, damit das Leben Platz fand, Wunder einzulassen.

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