Gedankensplitter

Schwarz

Den folgenden Text habe ich schon vor längerer Zeit geschrieben. Ich habe ihn nie veröffentlicht, kein Zeitpunkt schien mir je passend. Warum ich es heute tue? Darüber ließe sich maximal spekulieren.
Aber ich denke, dass sich einige von euch darin wiederfinden, wenn nicht aktuell, so doch in einer Phase eures bisherigen Lebens. Kaum jemandem wird das Gefühl fremd sein, für einen Augenblick uferlos dahinzutreiben.
Der Text hat auch eine Fortsetzung, die ich, wenn es sich danach anfühlt, nachreichen werde. Also los.

Es gibt Menschen, deren Leben scheint unfassbar leicht zu sein. Da macht es den Anschein, als würde es nur so „flutschen“. Andere Menschen wiederum erleben Momente, die unmittelbar einem Alptraum entstammen könnten.

Eine kleine Nachricht und alles um dich wird dunkel.

Deine Welt wurde binnen einer Sekunde aus den Angeln gehoben, ist in Millionen schneidende Glassplitter zerborsten. Du stehst inmitten dieses Chaos, dir wird der Boden unter den Füßen weggezogen. Du versuchst, ihm hinterherzukommen, aber dafür schwankt deine Welt zu sehr. Gerade noch hattest du ein Ziel vor Augen, jetzt stehst du vor einer unüberwindbaren schwarzen Mauer.
Du starrst auf diese Mauer, versuchst, ein winziges Loch darin zu finden, das dir zeigen möge, was auf der anderen Seite auf dich wartet. Keine Chance. Massiv und kalt ragt sie vor dir auf.

Dein Körper schmerzt und zittert, weil er der Seele und dem Herz ein klein wenig von ihrem Schmerz abnehmen will. Verzweifelt suchst du nach Fragen und Antworten. Das Gehirn ist dermaßen überfordert mit der Situation, dass es in rasendem Tempo analytisch rationale Erklärungen sowie paradox positives Denken ausspuckt. Du willst einfach überleben. Du weißt, dass in diesem Augenblick nichts anderes zählt.

Die Zukunft jenseits dieser Mauer scheint Milliarden von Lichtjahren entfernt, in dir toben die schlimmsten Emotionen der Gefühlspalette, kreischend und grell.

Menschen, die dich lieben, wollen dich tragen, dir helfen. Gleichzeitig hörst du aber auch die banalsten Trostsprüche – dass Zeit sämtliche Wunden heilt, dass alles einen Sinn ergibt, dass es so am besten ist … und all das prallt an dir ab wie ein Squashball an der Hallenwand. Dein Herz interessiert das nicht, es fängt nichts damit an. Die Sprüche machen alles nur noch schlimmer, sie wollen dich schreien lassen.

Den Klassiker „Die Zeit heilt alle Wunden“ hat sich jemand ausgedacht, der nie allzu viele Wunden davontragen musste, einer von diesen Flutsch-Typen.
Die Zeit macht Dinge leichter, erträglicher, aber manche Wunden heilen maximal, indem sie zu wulstigen Narben werden. Die entsprechenden Teile deiner Seelenlandschaft sind für einen anderen Menschen fortan nicht mehr mit jener unbeschwerten Leichtigkeit zu betreten, die du davor anzubieten hattest.

Und das Leben, dieses seltsame, das zieht weiter. Der Erdball dreht sich, als wäre nichts passiert. Du rechnest mit Fluten, Naturkatastrophen, irgendwas, was deinem Inneren entspräche – aber schlägst immer wieder im selben Raum wie am Morgen zuvor die Augen auf. Die Rituale des Tages warten in scheinbarer Lässigkeit auf dich. Die Arbeit möchte verrichtet werden und die Straßen, Autos und Kollegen haben sich keinen Deut verändert. Alles ist gleich geblieben. Nur du selbst bist jemand anderes. Wer, das weißt du selbst noch nicht.

In jener Situation gilt es nur, irgendwie durchzuhalten, denn anscheinend bist du bislang nicht daran gestorben. Ganz gleich, ob es sich so anfühlt, noch stehst du da und atmest. Noch verbirgt sich eine Zukunft hinter dieser schwarzen Mauer.
Wende den Blick nicht von ihr ab, bis sie allmählich leicht gräulich zu schimmern beginnt. Verlier dein Leben nicht aus den Augen, auch wenn Kämpfen eine Zeit lang nichts als Stillhalten bedeutet.

8 Kommentare zu „Schwarz

  1. tja, zufällig oder doch bestimm? bin schon lang nicht mehr hier her geführt worden.
    gerade jetzt. gerade heute. gerade dafür:
    ich habe deine seele ganz nah an meiner gespürt
    verbunden umarmt im regen trubel aller zeiten
    habe ich dein herz ganz nah an meinem berührt
    verbunden umschlungen im wirbel unserer wilden zeiten
    ich war deiner ganz nah
    und weiß heute nicht mehr klar
    sind meine erinnerungen wirklich wahr
    ich bin deiner ganz nah

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  2. Die allumfassende Schwärze. Sie vernichtet in einem Moment und bleibt solange bis man sie besiegt hat. Dabei spielt für die Schwärze Zeit keine Rolle. Sie achtet auch nicht darauf, ob du das alles wirklich überleben kannst. Sie hat nur ein Ziel wie es scheint und das ist die Vernichtung.
    Es ist schwer mit dieser Erkenntnis umzugehen. Da die Schwärze alles verändert. Sie bleibt nicht bei der Ursache, sie nimmt alles mit, dass man ihr anbietet. Und ein Mensch in der Schwärze bietet viel Anbieten. Jeder Raum den man abgibt, muss man letztlich wieder zurück erobern. Und genau das macht es so schwer. Diese ganzen Nebenkriege die man auszufechten hat. Irgendwann hat man mehr mit diesen zu schaffen, als mit der Ursache. So fällt es natürlich schwer die Ursache aufzuarbeiten. Würden die Mitmenschen einfühlsame Gespräche zur richtigen Zeit führen, anstatt dumme Ratschläge und Weisheiten von sich zu geben, dann wäre beiden gedient. Aber aus irgendeinem mir nicht bekannten Grund passiert das nicht.

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