Gedankensplitter

Gefühle vs Emotionen

Ihr denkt, das sei dasselbe? Dachte ich auch. Dann habe ich ein wirklich interessantes Buch gelesen, das mich eines Besseren belehrte.
Um keine falschen Erwartungen zu schüren, möchte ich an dieser Stelle anmerken, dass der folgende Text – obwohl es um Gefühle und Emotionen geht – frei von Kitsch ist und möglicherweise keine Romantik-Klischees bedient.

Gefühle kommen aus dem Herzen, Emotionen aus dem Gehirn. Okay, so hatte ich das noch nicht betrachtet.
Gefühle sind etwas Ruhiges und Stabiles, etwas, das uns nicht in die Ecke drängt, manipuliert oder zu Taten verführt, die wir später bereuen. Gefühle sind anmutig und reif. Wenn man sich auf ihrer Ebene bewegt, ist man bei sich, fühlt sich mit seinem Gegenüber verbunden, egal ob in Dankbarkeit, Glück, Freundschaft oder Liebe. Sie überdauern den Augenblick, haben Bestand, tragen Demut und Bescheidenheit in sich. Das macht sie unvergleichlich schön. Gefühle umschließen alles Erlebte, weil sie dem Herzen entspringen.

Emotionen sind unstet, akut, entspringen dem Augenblick und vereinnahmen uns. Das konnte ich bestätigen – aus eigener Erfahrung, versteht sich.
Emotionen schießen über, sie sind der sichtbar gewordene Ausdruck von Triggern, entstammen meist negativen Erlebnissen aus der Vergangenheit. Wie man sie enttarnt? Sie haben keine allzu große Haltbwertszeit. Sie flauen ab, ganz gleich ob positiver oder negativer Natur.

Vertraut sind sie uns allen, denke ich: Wut, Enttäuschung, Zweifel an uns selbst und den Mitmenschen; aber ebenso Euphorie, stürmische Verliebtheit, fast manische Glücksmomente. Der Witz ist, dass wir im Rausch der Emotionen gerne von der Ewigkeit faseln und dann überrascht sind, wenn das (Stroh-?)Feuer langsam abflaut. Über ein Zuviel an positiver Wallung beschwert sich kaum jemand, auf Dauer würde dieses allerdings zu einer ungesunden Überstimulation des Gehirns führen. Jedes Hoch braucht sein Tief.

Von mir selbst habe ich immer gesagt, dass ich ein sehr emotionaler Mensch sei. Darüber habe ich mich definiert. Man wird ja auch nie auf den Unterschied hingewiesen, niemand rät uns diesbezüglich zur Vorsicht. Überall wird betont, dass es okay wäre, emotional zu sein. Dass man zu seinen Emotionen stehen sollte und die Welt solche Menschen bräuchte.
Gemeint ist sicher das Richtige, aber vielleicht sollte man ein wenig tiefer in die Funktionsweise von Hirn und Herz eintauchen. Denn wie konnte es sein, dass ich so oft in Sackgassen landete? Dass ich mich irgendwann vor Entscheidungen zu fürchten begann, weil ich so manche Konsequenz im Nachhinein bereuen musste? Wie konnte es sein, dass ich häufig Dinge tat, die der Wucht des (emotionalen) Augenblicks geschuldet waren, und mir oft schon zehn Minuten danach leidtaten? Ich habe aus Launen heraus über Situationen und Menschen geurteilt und Jahre später bereut, sie einfach so gehen zu lassen. Ich habe bereut, nicht das gesamte Bild betrachtet zu haben, das durch meine Emotionen verzerrt wurde.
Das sollten sie unter den Neben- und Wechselwirkungen erwähnen, wenn sie einem überall anraten, ruhig seine Emotionen auszuleben und in ihnen zu baden … oder sie gar ungefiltert auf unsere Mitmenschen zu projizieren.

Die Crux ist also, dass der Moment meist nicht das Geringste damit zu tun hat, wenn die Emotionen mit uns davongaloppieren. Aber genau den halten wir dann für die absolute Wahrheit, hören unserem eifrigen Gehirn aufmerksam zu, wenn es uns Dinge einflüstert. Was wir dabei übersehen, ist dass auf diese Weise Mauern zwischen Menschen errichtet werden, die sich zuvor noch nah waren. Solche Emotionen provozieren Trennung, da ihre Wurzeln sich im Ego finden lassen. Konstruktiver Austausch wird schier unmöglich.
Im umgekehrten Fall der Euphorie rennen wir den anderen nieder, nehmen uns ungefragt dessen Zeit und Raum, sind kaum zu bremsen. Verbindung reicht da nicht, nein, es muss sich nach Symbiose anfühlen.

Emotionen werden erdacht und im Karussell der Gedanken hundertmal im Kreis geschleudert, bis die Sicht durch den Schwindel getrübt ist. Gefühle hingegen erden, machen uns offen und klar. Sie suchen nach Einigung, Konsens und Harmonie, halten die Balance und bereichern. Sie laugen nicht aus.

Was kann helfen?

Solange uns das alles so bewusst ist, ist keine Gefahr im Verzug. Dann lassen wir diese wilden Pferde einfach durch uns hindurchrennen, ohne ihnen viel Beachtung zu schenken. Schwieriger wird es, wenn wir aus dem Augenblick einer Emotion unsere Entscheidungen oder Urteile fällen. Fühlt man sich angegriffen, kritisiert, infrage gestellt, enttäuscht oder einfach nur missverstanden, kann man ziemlich sicher davon ausgehen, dass es nicht lange dauert, bis die entsprechende Emotion zur Stelle ist. Die Emotion, die dann die Gedankenschleuder anwirft und einen aus dem Gleichgewicht bringt – bis man sich ausgeliefert fühlt und klein beigibt. Es lohnt sich, die Situation mental zu verlassen, und den Dialog zu suchen, wenn man abgekühlt ist.

Ich weiß, manchmal ist einem gar nicht danach, da will man einfach nur um sich schlagen. Aber bleibt man bei sich und versucht, in den Modus der Gefühle zu wechseln, dann erwartet einen meist Entgegenkommen, Nähe und eine Verbindung, der so leicht gar nichts etwas anhaben kann. Erst recht keine mickrigen Dramawölkchen, die vorübergehend den Himmel trüben.

Wenn ich die Wahl habe, will ich meinem Gegenüber auf der Gefühlsebene nahe sein, und nicht auf der Autobahn flüchtiger Emotionen verloren gehen. Ich habe so eine Ahnung, dass Feuer, das sich langsam ausbreitet, auch nicht so schnell erlischt und überdies eine Glut bereithält, die etwas in uns entfacht, ohne uns zu verbrennen. Wer weiß, was da für Abenteuer möglich sind …?

5 Kommentare zu „Gefühle vs Emotionen

  1. Toller Beitrag. Kleine Anmerkung von mir dazu. Ohne Gefühle, keine Emotion. Emotionen leben aus den Grundgefihlen der Menschen heraus. Für etwas z. B, das ich echte Freude empfinde, kann ich keine negativen Emotionen aufbauen. Die Erkenntnis daraus darf dich jeder gerne selbst kreieren.

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      1. Emotion haben, wie du schon schreibst, mit den Gefühlen an sich nichts zu tun. Sie leben nur von diesen. Es sind die Kasperl des Geistes. Nur, wenn sich die Gefühle mit einschalten, dann bekommen wir ein Problem.

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  2. Guten Morgen 🙂

    Für mich sind Emotionen ein Sammelbegriff für Gefühle aller Art, positiv wie negativ assoziierte. Wenn ich von dieser Wertung fort komme und jedem Gefühl seine Berechtigung gebe, braucht es keine begriffliche Unterscheidung mehr 😉

    Lieben Gruß, Reiner

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    1. Emotionen entstehen meistens durch einen aktuellen Trigger und sind eher Momentaufnahmen, während Gefühle eine gewisse Basis darstellen und keine Reize benötigen.
      Ihre Berechtigung haben natürlich alle beide, etwas zu unterdrücken ist immer ungesund.
      Lieben Gruß zurück!

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