Gute Menschen, Gutmenschen, Selbstliebhaber, Egoisten…

Blickt ihr noch durch? In diesen Zeiten wird mit Begriffen nur so um sich geworfen. Ganz schnell hat man einen Stempel auf dem Kopf, landet in irgendwelchen Schubladen.
Was ist der Unterschied zwischen einem Gutmenschen und einem guten Menschen? Was differenziert gesunde Selbstfürsorge/-liebe von Narzissmus? Wo liegen die Grenzen zwischen natürlicher Abgrenzung und Egoismus?

Ich habe versucht, für mich selbst das Knäuel ein wenig zu entwirren. Dabei erhebe ich keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit, vielmehr ist es mein persönliches Empfinden. Jeder von uns mag das anders wahrnehmen.

Gute Menschen sind für mich vor allem glückliche Menschen, die in sich und ihrem Leben mit einer gewissen Anmut und Gelassenheit ruhen, Zufriedenheit ausstrahlen. Die sind wie selbstverständlich in der Lage, ihren Mitmenschen ihren Raum zu lassen, können gönnen, sind da, wenn sie um Rat und Hilfe gebeten werden. Mit Betonung auf: wenn sie darum gebeten werden, selten übergriffig oder gar rechthaberisch. Sie missionieren nicht, sondern leben es einfach absichtslos vor. Menschen, die sich selbst gefunden haben, strahlen Ruhe und Souveränität aus, kippen anderen nicht ihre Emotionen und Befindlichkeiten vor die Füße, leben und lassen leben. Unter ihnen wird man keine Energievampire finden, die voraussetzen, von Anderen gefüttert zu werden. Nehmen Menschen und auch Situationen, wie sie sind, siedeln sich kaum an irgendwelchen Polen und Seiten an, laufen keinen Herden nach und haben ihre eigene Meinung zu Dingen. Sie lassen sich nicht verrückt machen von Stimmen und Umständen, sind freundlich und wirken auf eine elegante Art und Weise stark.

Ich bin immer noch nicht sicher, was sogenannte „Gutmenschen“ zu solchen macht. Verfolge ich das in den Medien und sozialen Netzwerken, muss ich sagen, dass ich mich davon nicht besonders angezogen fühle. Meist wirken sie aufgebracht und wütend, und selbst, wenn die Sache, für oder gegen die sie wettern, auch für mich nachvollziehbar ist, stößt mich diese andauernde Empörung eher ab. Viel zu oft wirkt es so, als wäre dieses „DAGEGEN“ eine prinzipielle Sache. Die Causa selbst rückt dabei in den Hintergrund, gibt bloß willkommenen Anlass, Dampf abzulassen. Das eigentliche Thema ist dabei austauschbar, sei es politisch, sozial oder wirtschaftlich. Man rebelliert, wird laut, sehr gerne auch im Licht der Öffentlichkeit. Dabei passiert das wahre Gute meist im Stillen und völlig unbemerkt.
Wie glaubwürdig ist dieses „Gutsein“, wenn dem eine offensichtliche Intoleranz gegen jede andere Meinung innewohnt? Da habe ich so meine Zweifel…

Ich komme immer wieder zum Punkt, dass ein Mensch zuerst das Glück in sich finden sollte, sich kennenlernen und gut für sich selbst sorgen muss. Dann kann er der Welt gute Dienste erweisen, dann ist er innerlich „voll“, hat Ressourcen für Umwelt und Mitmensch.
Viele verwechseln Hilfsbereitschaft mit eigener Aufopferung, bieten sich der Gesellschaft als Lamm dar, alles zum Wohle der anderen. Das ist aber völlig falsch verstandene soziale Verträglichkeit.

Vor zehn Jahren noch kannten die meisten Menschen den Narziss nur aus der griechischen Mythologie. Heute ist der Begriff Mode, salonfähig, und ja, der Zeitgeist züchtet so manche Narzissten heran. Aber auch hier sollte man die Kirche im Dorf lassen. Es kann nicht angehen, dass der Begriff „Ego“ nur mehr als verwerflich gilt, als müsste man sich dafür schämen, man selbst zu sein und seinen eigenen Bedürfnissen Raum zu geben. Wäre das Ego nicht wichtig, wäre es uns nicht gegeben worden, es hat seine Berechtigung als Gegenpol zur Seele, anders würden wir den Unterschied zwischen den beiden nicht erkennen. Kein Muskel kann gut und solide ohne seinen Gegenspieler arbeiten, und in unserer Psyche ist es genauso. Gemeinsam ergeben sie die einzigartige Melodie eines jeden von uns.
Es macht keinen Sinn, seine ureigensten Bedürfnisse und Eigenheiten auf dem Altar des Märtyrertums zu opfern. Wir vergessen dabei das Unterbewusstsein, verdrängte oder auch nur verschobene Anteile von uns treiben darin dann gerne weiter Schabernack, den wir dann nicht immer als angenehm empfinden.
Verfolgt einmal diesen Gedanken zu Ende: wenn ich alles ausschließlich für den anderen tue, ihm jedes Ungemach abnehme: funke ich dann nicht in DESSEN persönliche Weiterentwicklung rein, nehme ihm Aufgaben, die ihm das Leben stellt, ab – und woraus lernt er dann?

Sich achtsam um sich selbst zu kümmern ist keine Form von krankhaftem Egoismus. Es ist ein Akt der Liebe, der Verantwortung, Schöpfer seines Lebens zu sein. Nur wer Verantwortung für sich selbst übernehmen kann, hat eine Meinung, ist mit beiden Beinen im Leben verankert, und daraus ergibt sich die Fürsorge für sein Umfeld von ganz alleine.

Ihr müsst weder auf die Straßen rennen und laut schreien, ihr müsst eure Überzeugungen nicht plakativ kundtun, ihr müsst nicht jeden Tag eine gute Tat vollbringen und auch nicht an jede Hilfsorganisation Geld spenden. Und nein, ihr seid auch keine schlechten Menschen, wenn ihr zwischendurch den Onlinehandel nützt. Diese empörte Verunglimpfung und Verurteilung der Dinge, der Zwang, alle(s) in bestimme Formen zu pressen, entspringt bloß wieder einem Ego – dem der Gesellschaft, das natürlich auch seine Berechtigung hat, aber ein wachsames Auge darauf zu haben, schadet nicht. Die gesellschaftliche Kollektivseele tickt ja ebenso anders, die weiß, dass sich Dinge am besten entwickeln, wenn man dem Leben seinen Lauf lässt. Klar- und Weitsicht funktionieren am besten, wenn man aus innerer Ruhe agiert.

Von der ein Mensch, der sich gut um sich kümmert und im Vertrauen ist, reichlich hat.


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