Über den Wert der ungesprochenen Worte

Passend zum zweiten Wochenende der stillen Zeit im Jahr fiel mir ein etwas älterer Text von mir in die Hände, den ich euch gerne nahe bringen will. Habt einen schönen zweiten Advent!

Manche sagen, Schweigen sei die unerträglichste Art einer Antwort. Damit kann man richtig Macht ausüben. Eine Ohrfeige schmerzt weniger als Ignoranz. Wir sind alles soziale Wesen, die von der Aufmerksamkeit anderer abhängig sind. Was völlig normal ist, solange es nicht zur Sucht ausartet. Aber lasst uns doch einmal die Dinge von der anderen Seite betrachten, eine Lanze für die unausgeprochenen Worte brechen!

Nicht zu sprechen, das kann ziemlich anstrengend sein, oder? Also für mich war das nicht immer einfach. Erstens wohnen in mir sehr viele Wörter, die nach draussen wollen (gut, dass es das Schreiben gibt!), zweitens empfand ich Schweigen immer ein wenig beklemmend, man weiß ja nie, warum es sich gerade Gehör verschafft in seiner stillen Lautstärke. Hat man jemanden beleidigt? Desinteresse?

Mir war früher oberflächliches Geplaudere noch wohler als die Distanz zwischen zwei Menschen. Stille kann so dröhnend sein, bis man sich den Kopf halten will und einen stummen Schrei formuliert. Vor allem, wenn man auf bestimmte Lebenszeichen hofft, dann muss man schon in der Königsklasse der Gelassenheit angelangt sein, um Stille ertragen zu können. Meine Emotionen wollten, gleich meinen vielen Wortmitbewohnern, möglichst schnell aus mir raus. Vom Bauch geradlinig übers Herz, eine steile Kurve zur Zunge nehmend und hurra – hab ich sie meinem Gegenüber dargereicht. Gerne auch in Mails und Briefen epischer Länge. Was sich fatal auswirken kann, ist man gerade ein Vulkan aus brodelnden Emotionen, dessen Lava wie Wortpfeile über den/die Andere/n ergießt. Wer von uns kann schon mit Bedacht schweigen, wenn innen was Amok läuft?

Doch es bedarf nicht immer eines Konfliktes, um das goldene Schweigen zu bewerben. Je älter ich werde, desto mehr weiß ich gehaltvolle Ruhe zu schätzen. Ich kann den Zeitpunkt nicht nennen, aber auf einmal war da in mir ein drängendes NICHTSSAGENWOLLEN, das Platz einforderte und meine Worte zur Ruhe gemahnte.

Ereignisse, vor allem herzberührende und lebenswichtige, wollte ich auf einmal nicht mehr mit der Welt teilen – als würden sie dadurch an Exklusivität verlieren, ihre Magie einbüßen, oder schlimmer noch: empfindlich gestört werden durch einen Angriff von außen. Ich empfand es als ungeheuer exquisit, auf einmal schweigen zu können. Sich verlieren in den Geräuschen, die einem in dem Moment umgeben, im schönsten Fall als einziges den eigenen Herzschlag zu hören.

Mittlerweile bin ich ein echte Genussschweigerin. Eben weil es mir nicht immer gelingen mag, sind die Augenblicke dann besonders wunderbar. Wer nämlich gut schweigen kann, kann auch fantastisch zuhören.

Um an diesen Punkt zu kommen, war es unter anderem auch die jüdische Dichterin Mascha Kaléko, die mich mit einer ihrer Wortperlen im Innersten berührt hat:

„Mein schönstes Gedicht?

Ich schrieb es nicht.

Aus den tiefsten Tiefen stieg es.

Ich schwieg es.“

2 Gedanken zu “Über den Wert der ungesprochenen Worte

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