„Setze nicht jeder Rede eine Kappe auf“ (Oma)

Heute will ich euch den Auszug eines Gedichtes einer meiner Lieblingslyrikerinnen Mascha Kaléko ans Herz legen, er passt so gut in diese Zeiten und ganz sicher auch zu jedem Einzelnen.

„Als ich der Mutter meinen Kummer klagte, ich höre noch, was sie dem Kinde sagte mit einem Lächeln, wie ich´s nie gesehn – „Sei still, es wird vorübergehen.“ (…) „Wer nichts begehrt, der ist nicht zu berauben. Gespenster sind nur dort, wo wir sie glauben. (…) Nichts tut das Leid dem, der „es tut nichts“ sagt. (…) Es geht an dir vorüber, bist du still.“

(Mascha Kaléko „Sei still…“ aus „Mein Lied geht weiter“)

Heutzutage nennt man es auch „Situationen aussitzen“. Meine Oma meinte dazu: „Setze nicht jeder Rede und jedem Sturm eine Kappe auf.“ Lange habe ich nicht verstanden, was sie damit meinte, aber heute verstehe ich, sie sprach von Gelassenheit. Wir neigen dazu, jede Äußerung unseres Gegenübers, jede Nachricht aus den Medien, sogar unverändliche Komponenten wie das Wetter zu beurteilen, flattern aufgeregt wie Hühner und sind echauffiert.

Im Laufe des Lebens habe ich gemerkt, dass es nicht schlecht ist, ab und an den „kühlen Kopf“ zu Rate zu ziehen, denn das Ego gibt gerne das kleine Prinzeßchen, das sich in koketter Hysterie ergeht, weil das Leben gerade nicht spielt, was es sich von ihm an traumerfüllender Melodie wünscht. Es leckt sich mit bebender Lippe die Wunden, schließlich hat man es scheinbar lieblos behandelt oder gar willentlich verletzt.

Dann ist dieser Kerl von Verstand da, packt es unter den Achselhöhlen, um es hochzuziehen und ein wenig zu schütteln, meint mit festem Blick: „Alles halb so wild. Keine Gefahr, die droht. Sei was du bist, ein starkes Herz, das stetig den Rhythmus des Lebens wiederholt durch seinen beständigen Schlag. Lass dich nicht so leicht aus der Bahn werfen, es geht vorbei.“
Das Ego hat tausend ABERS auf Lager, aber letztendlich besinnt es sich darauf, was es ist, ein starker Motor, der Leben erst möglich macht und uns Signal ist, wenn wir auf dem falschen Weg unterwegs sind. Dieses Leben klappt, wenn man beides in Liebe und Güte verbindet, deshalb haben wir auch beides bekommen. Hirn und Gefühl. Es wäre falsch, ihnen nur so kleine Rollen zuzuordnen, dass das eine bloß für Liebesdinge verantwortlich ist und das andere für Mathematik.

Alles geht vorüber. Nichts bleibt, wie es ist. Pandemien, Krisen, Krankheiten, meschliche Dramen, schlechte Tage.

Und je weniger wir uns aufregen und entfachen lassen durch die Dinge, die uns nicht passen, desto friedlicher wird alles um uns herum, und wir ziehen die Menschen, die Situationen, die Dinge an, die dazu passen.

Unsere alten Menschen wissen das. Die wissen auch, dass Vergebung, Güte und ein milder Blick auf Menschen und Situationen wesentliche Bausteine für Glück sind. Wir dürfen ruhig auf deren Weisheit hören, die uns sagt: „Es geht an dir vorüber, bist du still.“

(Diesen Text widme ich meiner Oma Maria)

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