Demaskierter Fasching?

Stellt euch vor, es ist Fasching, und keinen interessiert es. Weil alle die Maske satt haben. Genug verkleidet für die nächsten zehn Jahre. Heuer ging der Faschingsbeginn in leisem Schweigen unter. Ob wohl viele Menschen an die beginnende Ballsaison, die Narrenzeit mit all ihren Begleiterscheinungen gedacht haben?

Ich persönlich hab es ja nicht so damit. Wobei, die Masken von Venedig, die sind schon wunderschön. Oder diese Art von Bällen, wo Menschen in Roben eine sinnliche Augenmaske tragen – doch, das ist pure Ästhetik. Ihnen mutet etwas Geheimnisvolles an, alle bewegen sich in diesem langsamen Schwebezustand, die Träger*innen schweigen zumeist und wirken lautlos elegant im Gegensatz zu unserem kreischbunten und bierseligen Narrentreiben. Aber das ist Geschmackssache.

Menschen verkleiden sich gerne. Psychologisch interessierte Leute haben sicher ihre Freude daran zu beobachten, was oder wie wer sein will.
Welche Seite, welch verdeckter Charkterzug kurz einmal nach außen drängen will, sich zeigen will oder doch lieber Deckung bezieht hinter der grinsenden Clownslarve? Wo so mancher Faux-Pax mit: „ist ja Fasching“ gerechtfertigt wird.
Man wird nicht ernst genommen, auch wenn man selbst es wahnsinnig ernst nimmt, das ist eine wunderbare Gelegenheit, sich gut begründet einmal richtig gehen zu lassen.

Zur Zeit tragen wir alle Maske. Wenn auch nicht aus besonders lustigen Gründen und auch nicht vor den Augen. Während die Augenmaske dem Träger etwas Mystisches, Interessantes verleiht, wirkt der Mund-Nasenschutz dagegen distanziert, irgendwie unpersönlich. Ich bin sehr gespannt, ob Menschen nach einer gesetzlich verordneten Maskierung noch Laune haben, ihr Gesicht zu verhüllen, oder ob es sie nach Freiheit auf allen Linien dürstet. Das wird wirklich interessant zu beobachten sein.

Warum machen wir uns nicht einmal auf die Reise IN uns und schauen, wer wir alles sein wollen, wer alles in uns wohnt? Ohne dass es einen Karneval dafür geben muss?
Da gibt es den zartbesaiteten, den wilden, den grüblerischen, den verletzlichen, den verrückten, den lachenden und weinenden Teil in uns, den erregten und erregenden, den verspielten, den ängstlichen und den tapferen.

Und all das sind WIR.
Wir können jeden Tag, jede Stunde WIR selbst sein, ganz ohne Maske, Schminke und Kostüm und trotzdem immer anders, in all unseren tausend Facetten, niemals langweilig. Wir dürfen uns zeigen, nichts verstecken, sondern das eigene ICH erhobenen Hauptes strahlen lassen.

Und vor allem nicht warten müssen, bis es die paar Tage vor der ernsten Fastenzeit erlauben.

Ganzes Jahr. Ohne Fasching. Wie wunderbar!

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