Spieglein, Spieglein an der Wand…

Menschen haben eine wunderbare Methode, an anderen Menschen Charakterzüge zu kritisieren und schlecht zu finden, die sie eigentlich selbst beherbergen. Man nennt dies Projektion. Da sind Spiegelneuronen am Werk.

Man hört es nicht gern, aber immer dann, wenn wir uns wahnsinnig über unser Gegenüber aufregen, uns schlecht behandelt fühlen oder in Wut wahlweise im- oder doch besser explodieren wollen, kann man mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass eine von uns ungeliebte und abgelehnte Seite getriggert wird. Die wir am liebsten in einem dunklen Winkel unserer Persönlichkeit in einer gut verschlossenen Kiste versperrt wissen. Es macht uns wütend, hilflos und schwach, wenn jemand sie anstupst, und darauf reagieren wir dementsprechend emotional.

Projektion bedeutet das Übertragen ins Außen auf Menschen, sogar auf Dinge. Wir lagern Ängste, Selbstzweifel, Sorgen, ungeliebte Persönlichkeitsanteile von uns aus, um sie als nicht zu uns gehörig zu empfinden, können sie doch Scham oder Schlimmeres in uns auslösen. Wir scheuen den inneren Kampf und kämpfen lieber mit dem Stellvertreter. Wie das Schicksal es so haben will, ziehen wir dann exakt die Menschen an, die genau DAS wie ein Spiegel auf uns zurückwerfen. Robert Betz nennt diese liebevollen Lehrer die „Arschengel“. 🙂 Es ist nämlich ungesund, diese Teile in uns abzulehnen, sie wollen angenommen und in Liebe integriert werden, und diese speziellen Engel helfen uns dabei. Der Vorgang selbst erzeugt Unmut, ja Aggression und stellt echte Herausforderungen an so manche zwischenmenschliche Beziehung dar. Denn beiden ist ja nicht oder nur, wenn sie reflektiert sind, bewusst, dass das geschieht. Dem Spiegel nicht und dem, der hineinschaut nicht. Der will einfach nicht fühlen, was er sieht.

Wenn uns dieser Vorgang der Spiegelung nämlich erstmal bewusst ist, dann löst sich der Ärger in Luft auf. Der Getriggerte erkennt, dass der andere ihn weder ärgern noch ihm bewusst weh tun wollte. Der Spiegel, der all das unbewusst ausgelöst hat und nun emotionsüberhäuft dasteht wie ein begossener Pudel und verständlicherweise ebenso überzogen reagiert, weil er sich zu Unrecht angegriffen fühlt, ist milder gestimmt.

Partner*innen sind übrigens die häufigsten Stellvertreter. Deshalb wird das Wesen der Liebe auch verkannt. Menschen glauben, das ist „Liebe“, wenn der Himmel voller Geigen hängt, wenn der andere all ihre (emotionalen) Bedürfnisse erfüllt, dabei ist das nur ein kindlicher Wunsch nach Aufmerksamkeit. Man will den Partner vereinnahmen wie einst die Mama, die wir ganz für uns beanspruchen konnten.

Die Menschen, die uns an die ganz tiefen Schichten führen, da, wo es weh tut, die nicht zimperlich mit uns umgehen und uns niemals für eigene Zwecke mit süßen Worten manipulieren, die sind nicht „böse“, sondern unsere wahren Meister. Die, die uns helfen, unser inneres Schattenkind anzunehmen, damit wir selbst ein GANZES werden und dafür keinen anderen (miss)brauchen müssen in emotionalen Suchtbeziehungen, das sind die liebenden Seelen, die uns heilen wollen…

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