Umzüge

Seid ihr auch sooft umgezogen? Ich bin bis vor einigen Jahren in der Gegend herumgereist, nach der Matura in die große Stadt zum Studieren, nach dem Diplom zurück aufs Land, Sehnsuchtsschmerz nach der City, also zurück ins urbane Leben. Wohnungen, Häuser, wieder aufs Land, auf der Suche nach dem perfekten Ort für mich. Überall war es auf eigene Art schön und lebenswert, manchmal folgt man auch wichtigen Menschen. Trotzdem erschien ANKUNFT warm und erstrebenswert.


Man ordnet Dinge aus Speditionskisten aus alten in neue Kästen, versucht, den vertrauten Gegenständen einen Platz zu geben, der ihnen auch im neuen Heim gerecht wird. Schnell soll wieder die altbekannte Wohlfühlatmosphäre hergestellt werden, indem man die Sachen um sich aufbaut, die Geborgenheit vermitteln.
Das war bei mir immer oberste Priorität. Erst stellte ich meine Lieblingsgegenstände auf, bevor ich eine Gabel in die Bestecklade legte. Während andere monatelang aus den Kisten leben können, waren sie bei mir in Rekordzeit aus- und wieder eingeräumt, damit sich alles schnell „altvertraut“ anfühlte.

Ein mir gut bekanntes Phänomen, das mich sehr verlässlich überall mit hin- und auch wieder heimbegleitet, bei Reisen wie bei Umzügen, machte sich immer an diesen ersten Tagen bemerkbar: meine Seele, die ein Weilchen braucht, um mir zu folgen.
Die hängt noch fest am Ort, wo ich die letzten Jahre und manchmal auch nur Stunden verbracht habe. Ich bin dann in der neuen Umgebung ein wenig orientierungslos, suche meine Verankerung. Geht mir übrigens beim nach Hause kommen genauso, da macht Seelchen keinen Unterschied.

Obwohl man den exakt gleichen Tagesritualen folgt, fühlt sich alles trotzdem fremd an, als würde man routinierte Abläufe zum ersten Mal machen. Ich kann mich an Momente der schieren Verzweiflung erinnern, wo ich am liebsten nur einen Schlafsack gepackt hätte, um in der alten Wohnung auf dem leeren Boden zu campieren. Ich erwartete zu viel zu früh, brauchte ein Weilchen, um zu sehen, dass ich ein Gewohnheitstier bin, das Vertrautes liebt und Veränderungen so gar nicht mag. Um nicht zu sagen, alles soll bitte bleiben wie es ist, ich bin eine Kriegerin meiner Komfortzone.

Früher war das leichter, als das Motto noch hieß: raus in die Welt! Ich musste feststellen, dass vor kurzem der Tausch eines Sofas mir das Gefühl eines Hotelzimmers gab. Im Zuge dessen hatte ich auch noch – jetzt wird es richtig verwegen! – meinen Schreibtisch umgestellt. Leicht fremdelnd beäugte ich beim abendlichen Seriengucken mein Wohnzimmer. Meine alte Hündin entschied die Sache für mich, in dem sie sich mitten in der Nacht ihre Pfote am neuen Tischstandort stieß, wir kein Auge mehr zutaten und in Herrgottsfrühe alles wieder wie vorher arrangierten. Natürlich für den Hund.

Man zieht nicht nur aus, man zieht auch sich selbst aus. Häutet sich aus festgefahrenen Gewohnheiten, weil ein neuer Lebensbereich einfach andere Energien hat,  überdenkt all sein Hab und Gut neu – was ja zum Großteil aus nostalgischen Erinnerungsstücken besteht.
Darin bin ich viel besser geworden, ich bin mittlerweile auf der Stufe vor der Entrümpelungsmeisterklasse gelandet. Klar, wenn man sooft umgezogen ist, will man mit leichtem Gepäck reisen. Was auch mental nicht schadet, denn wenn man sich an Dinge und Orte klammert, klebt man im Leben fest.

Die Aufgabe besteht darin, zu wissen und zu spüren, wann Änderungen notwendig werden, damit man sich weiterentwickelt. Einfach nur aus Langweile und Fadesse heraus wird einen nicht lange zufriedenstellen, dann bleibt man ein ewiger Nomade auf der Suche nach Glück und Ankunft. Ich finde, eine gesunde Homebase, die Raumschiffbrücke sozusagen, ist die beste Voraussetzung für einen aufregenden Flug durch das Universum, indem man all den Sonnen- und sonstigen galaktischen Stürmen und Wendungen gespannt begegnen kann…



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