Valentinsgedanken

Gestern haben wieder viele Paare den Valentinstag gefeiert. Darüber hat jeder seine eigene Meinung. Für die einen ist es eine Marketingveranstaltung, wo das Geschäft mit Pralinen, Herzen und Blumen floriert, für die anderen der romantischste Tag im Jahr. Manche finden wenigstens an diesem einen Tag Zeit, sich umeinander zu kümmern und die Liebe zu pflegen. Das ist nicht zu verurteilen. Und bei allem Gerede, dass man nicht mit der Herde mitlaufen soll und an jedem Tag die Liebe gelebt werden sollte: ausnahmslos jeder freut sich über eine kleine Geste, ich denke, da kann sich niemand ausschließen.

Mich beschäftigten zum großen Tag der Liebe aber ganz andere Gedanken. Viele von euch kennen ja den Film „Der seltsame Fall des Benjamin Button“, wo ein Mensch rückwärts altert. Ein lieber Freund erzählte mir, dass er dieses Prinzip auf die Liebe und seine Art, Beziehungen anzugehen, anwenden würde. Ich bat ihn, mir zu erklären, was er damit meinte.

Das ist seine Theorie:

Die meisten von uns verwechseln Verliebtsein mit Liebe. Wir lassen uns beim ersten Kennenlernen von äußeren Merkmalen ablenken, von erotischer Anziehungskraft, schwingen uns wie auf Wolken und den Schmetterlingen getragen von Date zu Date, alles scheint wunderbar, perfekt, wie füreinander gemacht. Jeder zeigt sein Rendezvous-Gesicht, packt jede Macke, jede Ecke, jedes Trauma und alle speziellen Vorlieben in eine blickdichte Folie, die nichts durchscheinen lässt. Jeden Tag ist Sonntag, die Welt ist bunt und man selbst unbesiegbar. Dann, wenn man sich sicher wähnt, alles einen gewissen Rahmen hat, traut man sich das erste Mal aus seiner Deckung. Mittlerweile hat ja auch der/die Partner/in erkannt, dass er nicht einen wie vom Computer designten Roboter bekommen hat, sondern dass die Fassade auch mal bröckelt, und darunter glänzt es auf einmal nicht mehr an allen Stellen. Da sind alte Narben, Wunden, da bringt jemand seine Vergangenheit mit, seine Glaubenssätze und unaufgelösten Muster, da will jemand Erlösung, sucht Glück, bettelt um Aufmerksamkeit und ist auf einmal gar nicht mehr so pflegeleicht wie noch vor einem halben Jahr. Da kommt dann das große Erwachen: man hat ein göttliches Wesen erwartet und einen Menschen bekommen.

Damit können dann die meisten von uns nicht. Da werden Streite und Machtkämpfe ausgefochten, das Zufriedenheitslevel sinkt unter den Gefrierpunkt, man fühlt sich um seine Hoffnungen, Sehnsüchte und Wünsche betrogen.Wie leicht ist es da, abzuhauen oder sich um passenderen Ersatz umzusehen. Was ist passiert? Die Phase des Verliebtseins ist vorbei. Mehr nicht.

Er machts jetzt anders. Er will gleich zur Liebe. Zu etwas mit Bestand. Ohne das ganze Chichi, dafür ist später noch genug Zeit. Zu oft hat er erlebt, dass sich Menschen auf ihn eingelassen haben, aber wenn er seine „Besonderheiten“ auf den Tisch packte, weil er meinte, die Gefühle seien nun stark genug, das abzufedern, da hat er die meisten nur noch von hinten gesehen. Das heißt übersetzt: er will den umgekehrten Weg gehen – von der vielleicht nicht im herkömmlichen Sinn romantischen Anbahnung hin zur Verliebtheit/Liebe als Endziel. Klingt auf den ersten Blick absurd, ungewohnt, pragmatisch, aber lassen wir den Gedanken einmal wirken.

Wieviele Paare beklagen sich, dass nach einiger Zeit die Luft raus ist, der Alltag einkehrt, Flaute im Schlafzimmer herrscht? Die Anfangszeit wird verherrlicht, aber die ist doch im Vergleich zum Rest verschwindend kurz. Würde es nicht mehr Sinn ergeben, wenn der REST immer intensiver werden würde und am ENDE die große Liebe stehen würde?  Wenn wir hundert Leute befragen, wieviele würden sich dafür entscheiden, dass sie sich lieber auf den Weg ZUR Liebe HIN machen, als sich nach einem anfänglichen Ausnahmezustand auf dem harten Boden der Realität wiederzufinden? Nur weil man erst nach Monaten gewagt hat, MAN SELBST zu sein? (man hat ja in einigen Studien herausgefunden, dass manche Vernunftehe ein längeres Haltbarkeitsdatum aufwies als die leidenschaftlichsten Strohfeuer, ob das mit dem BB-Prinzip zu tun hat? Möglich wäre es.)

Er macht das jetzt, oder besser gesagt, er machte das so: wenn ihm ein Mensch sympathisch ist, dann lernt er ihn mal kennen. Bereits beim ersten oder zweiten Date erzählt er offen von Dingen, die einen anderen Menschen, wenn dieser ganz unterschiedlich tickt, in die Flucht schlagen könnten. Ganz schön mutig, da gehört was dazu. Was soll ich sagen? Sein Vorhaben war von Erfolg gekrönt. Die Grundlage ist eine brutale Offenheit, die viele nicht ertragen.Wir lassen uns doch alle von Herzen gerne blenden, um an Zuneigung zu kommen.

Ich sehe eure erstaunten Gesicher vor mir, und glaubt mir, mir ging es genauso. Als erklärte „in die Romantik-Verliebte“ hat es mir alle Haare aufgestellt. Aber es ging mir nicht aus dem Kopf, ich habs einem anderen Freund von mir erzählt, der war so begeistert davon, dass er meinte, das müsse man patentieren lassen und ein Buch darüber schreiben.

Ich will euch nicht die schönen Gefühle der frischen Verliebtheit ausreden, sie sind toll und was soll ich sagen, jaaa es gibt nichts Schöneres! 🙂

Und jetzt stellt euch einmal den verwegenen Gedanken vor, dass ihr das Beste, eben diese inspirierenden Emotionen, erst noch VOR euch habt…

 

 

2 Gedanken zu “Valentinsgedanken

  1. Großartig! Eine großartige Idee und ebenso großartig geschrieben.

    Ich möchte nur einflechten, dass dieses BB-Prinzip wohl eher nicht für die ganz jungen Leute geeignet ist, die die Liebe (oder das, was sie dafür halten) gerade erst für sich entdecken. Für uns „gebrauchte“ Menschen aber, die alte Wunden ihrer Traumata mit sich schleppen oder unter der Monotonie des Alltags zu ersticken drohen, dürfte es ein hervorragendes Mittel sein, um das zu erreichen, wonach wir uns wohl alle sehnen: ein erfülltes Leben.

    Zweifellos braucht es dafür Kraft und vor allem Mut. Ich bin allerdings der Überzeugung, dass sich dieses Prinzip der gnadenlosen Offenheit nicht „nur ein bisschen“ leben lässt. Entweder man entscheidet sich dafür oder dagegen – ein Dazwischen kann es da nicht geben.

    Ich wünsche Dir viel Erfolg bei der Umsetzung. Und hab vielen Dank für diese Inspiration.

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