Grauzonen

Aktuell hört man die Leute oft jammern, wie grau sich das Tageslicht doch gestaltet.
Antriebslos sei man, fast könne einem die Melancholie zu fassen kriegen.
Ich traue mich gar nicht entgegnen, wie wohl ich mich inmitten in diesen Nebelschwaden fühle, wie geborgen in meiner Innenwelt, nicht getrieben von Sonnenstrahlen, die mich unbedingt ins Freie locken wollen.

Das Wetter, wenn es mal grau tragen will, hat keinen leichten Stand, kommt ein wenig unbeliebt daher. Wie schade, dass Menschen der Witterung im Außen weit mehr Beachtung schenken als der in ihrem Inneren. Einfach mal lächeln an einem Nebeltag, wenn die Tröpfchen einem ins Gesicht sprühen, den buntesten Mantel anziehen und im kuscheligen Kaffeehaus einen warmen Tee genießen.
Manchmal mag sich die Sonne eben ihre Wolken wie eine Stola umlegen, um auf Grande Dame zu machen, verdeckt, mysteriös und unnahbar.
Wie stilvoll, wie fantastisch mondän!

Leute, die graue Kleider tragen, werden zu Unrecht als farblos und langweilig eingeschätzt, denn wie mutig, sich mal nicht hinter grellen Farben zu verbergen. Trag schwarz, grau oder weiß, und du mitsamt deiner Persönlichkeit rückst in den Vordergrund, trag quietschbunt, und dein Outfit trägt dich. Auch okay, wo halt jeweiliges passt.
Schwarz ist Kunst, ist Bohéme, grau ist die abgemilderte Form davon, sanfter und weichgezeichnet.

Wohungen, in Grautönen gehalten mit vielleicht nur einem Farbklecks unterstellen dem Hausbesitzer sogleich emotionale Kühle, bar jeder Gemütlichkeit.
Ich würde es zeitlos nennen, den Klecks kannst du nämlich jederzeit nach momentanem Gusto ändern. Der Background sollte klassisch sein.
In einem Heim hab ich mich einmal hinreißen lassen, alles in rot/orange/gelb einzurichten, man sagte mir, das sei so wahnsinnig „freundlich“.
Inmitten dieser Oase, wo schier die Sonne in meinem Wohnzimmer schien, war da dieses fade grau/weiß geflieste Bad. So ein Spassverderber aber auch! (und meine heimliche Erholungszone…)
In einem Jahr hatten sich meine Augen an dem Farbenrausch sattgesehen, nur mein Bad, dieses unaufdringliche, das mochte ich noch immer, bot es doch jeder anderen Farbe die perfekte Bühne.

Die Dinge immer nur schwarz-weiß betrachten, ist einseitig und anstrengend, dazwischen liegt nämlich eine mächtige Zone der Schattierungen. In der sich unglaublich viel Entdeckenswertes befindet, setzt natürlich Flexibilität voraus.
Menschen, die immer wieder zwischen Euphorie und Depression schwanken, wissen darum, wie entspannend und auf eine zufriedene Art glücklich die Grauzone macht. Sie hat einen viel zu langweiligen Ruf, für manche Menschen gleicht sie glatt der EKG Nulllinie, ich glaube, in Wahrheit ist sie unser natürlichster Geisteszustand.

Was soll ich sagen, bevor ihr das nächste Mal euer hartes Urteil über die kleine Schwester der Farbe Schwarz fällt, bedenkt, dass Grau bloß unpoliertes Silber ist.
Und schon funkelt es.

2 Gedanken zu “Grauzonen

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