Die Wu-Wei Philosophie

Die Wu-Wei-Lehre entstammt dem Taoismus. Sie basiert auf den Prinzipien des Einssein mit allem, was ist und dass wir am erfolgreichsten sind, wenn wir das Handeln dem Leben selbst überlassen. Just be. Kein angestrengtes Tun und Machen mehr. Klingt auf den ersten Blick wie die einfachste Sache der Welt, tatsächlich gestaltet sie sich in der Praxis als ganz schön holpriges Unterfangen. Stichwort: EGO.

Eins sein mit ALLEM, was ist. Also auch mit dem nörgelnden Nachbarn, dem krawallgebürsteten Teenager, allem Fremden, einer Grippe, dem aufreibenden Job und einer unerreichbaren Liebe.
Immer noch überzeugt, dass das ganz einfach ist? Denn es würde bedeuten, dass wir uns den offenen und vor allem urteilsfreien Blick bewahren – darauf, was uns umgibt, worauf wir treffen den lieben langen Tag lang.
Vielleicht reicht es anfangs, sich einfach weniger aufzuregen. Sich zu fragen: ist es das wert, dass ich jetzt zu kämpfen beginne? Druck auf eine Situation oder einen Menschen bedeutet immer auch Gegendruck von der anderen Seite, das ist einfache Physik. Das große Ganze im Auge behalten, nicht kleinlich die Emotion des Augenblicks bewerten, ich glaube, darum geht es. Dann lernt das Hirn auch Gelassenheit.
Wir müssen nicht zu Mutter Teresa mutieren, vielleicht reichtvorerst ein Lächeln. In kleinen Dosen denken.
Bevor man sich moralisch über den anderen erhebt, einmal innehalten und sich in Erinnerung rufen: er oder sie ist genauso Teil dieser Welt wie ich, er oder sie erlebt wie ich das Leben, und das ist eben manchmal nicht nur eine Blumenwiese.

Die zweite Säule, die des „Nicht – Handelns“, steht der ersten in Sachen Herausforderung nicht nach.
Hier geht es um die Überwindung des Egos. Sich befreien von Abwehrhaltung gegen scheinbar missliche Umstände, aber auch von Wünschen und Erwartungen.
Beides signalisiert dem Leben nämlich, dass man es in Frage stellt, dass man etwas zu kritisieren hat, meint, noch dies und das zu benötigen, und DANN ERST ist es perfekt – aber in Wahrheit stört man genau damit den Fluss des Lebens, der sich laut „Wu- Wei“ nie irrt.
Es sollte recht einfach sein: fühlt man sich unwohl, unzufrieden, nörglerisch, aggressiv – dann regiert das Ego. Trägt man stattdessen Ruhe in sich, beobachtet gelassen, aber achtsam, wertet nicht, dann ist man im Flow, dann trägt einen die Seele.

Der Irrglaube der Menschheit – je mehr ich mich geistig weiterentwickle, desto kleiner wird mein Ego. Falsch gedacht, denn das Ego entwickelt sich natürlich mit, und seine Spielchen werden raffinierter. Es lässt sich dann schwerer durchschauen, gaukelt uns Sachen vor, gegen die wir uns scheinbar wehren müssen, bzw sie uns herbeiwünschen. Auch ich bin draufgekommen, wie unglaublich verspielt mein Ego ist. Mal spielt es Opfer der Umstände, dann kleines Kind, das lieb gehabt werden will, dann bläht es sich ein wenig auf gegenüber anderen. Und manchmal ist es auch ganz handzahm. Man soll nicht gegen sein Ego kämpfen oder versuchen, es zu unterdrücken. Es ist schließlich verantwortlich für die eigene Individualität, und in Krisen rettet es uns das Leben.
Da wir aber nicht tagtäglich in einer lebensbedrohlichen Situation stecken, ist es ganz ratsam, es auf Sparflamme zu halten und zu beobachten. Hats wirklich immer recht?

Besagte Seele wartet nämlich darauf, dass wir ohne die ganzen Klagen und Wünsche beim Universum sich großartig und wundervoll entwickeln zu dürfen…Selbst ausprobiert, Effekt unglaublich!

Theo Fischer ist einer der Autoren, die sich ausführlich mit dem Thema beschäftigen, geschrieben, einige Sätze aus seinem Buch „WU WEI – Die Lebenskunst des Tao“ (große Leseempfehlung!), erschienen im Rowohlt Taschenbuch Verlag, will ich abschließend zitieren:

„Herausforderungen des Lebens pflegen wir mit den unzulänglichen Mitteln des Intellektes, unseren Erfahrungen zu begegnen. damit pfuschen wir jedes Mal den unserem Denken nicht zugänglichen Kräften ins Handwerk, die unsere Probleme nicht nur besser lösen können, sondern sie auf eine ganz andere Art und Weise auszuloten imstande sind. (….) Soweit unser direktes Eingreifen notwendig wird, empfangen wir den Handlungsanstoß spontan durch eine kräftige Intuition.“

„Das dürfte die einzige schwierige Aufgabe für Sie werden, nämlich sich anzugewöhnen, mit Ihren Sinnen weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft herumzustreunen, sondern ständig und stets im Hier und Jetzt zu bleiben.“

„Wu Wei erfordert unsere geistige Präsenz in der Gegenwart, sonst können die Kräfte nicht wirksam werden, welche die Dinge dann ohne unser Zutun verändern und zum Guten wenden. (…….) Aber die ununterbrochene Geschwätzigkeit unseres Geistes ist ein ernsthaftes Hindernis für das Leben in der absoluten Gegenwart.“

„Überhaupt hält man in den Kreisen des Tao nichts von Bestrebungen nach irgendetwas. Es ist gut, kein Ziel zu haben, keinen Ehrgeiz, kein Motiv. (…) Den Geschehnissen ihren Lauf lassen, ohne Widerstand zu leisten, sie nur betrachten, das ist Handeln im Nichthandeln, das ist WU WEI.“

(Foto: h.k. Wien 2018)

 

 

 

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