Zeitreisende

Als ich aus der großen Stadt zurück aufs Land gezogen bin, kam ich mir wie eine Fremde in der eigenen Heimat vor. Alles schien vertraut und doch meilenweit von mir entfernt, verblasst wie die ersten Seiten eines alten Buches.
Ich begab mich auf Streifzüge mit meiner Hündin, versuchte, meiner Seele ein neues, altes Zuhause zu geben, und es war interessant, worauf ich stieß.
Wo früher das zentrale Leben stattgefunden hatte, herrscht nun fast Leblosigkeit. Alles hat sich aus der Dorfmitte in die Peripherie verlagert. Als würde es den aktuellen Zeitgeist spiegeln, in dem alles vom Innen ins Außen verlagert wird.  Die Menschen lenken sich lieber ab, statt ihrem Wesenskern Aufmerksamkeit zu schenken.
Der Handel, das waren damals Familienbetriebe. Da war Leben auf der Straße, es war spannend, durch die Geschäftsstraße zu flanieren – heute wirkt es, als hätten die Häuser sich in sich selbst zurückgezogen. Verharren sie still, weil sie darauf warten, sich wieder aufmachen zu dürfen, sich neu zu entdecken? Die Aura des Zentrums scheint ein wenig verloren.

Aber wenn ich genau hinspüre, kann ich es noch ganz leise wahrnehmen, dieses „Damals-Gefühl“. Als Kind liebte ich es, in die hell erleuchteten Zimmer der Familien zu schauen, die ihre Wohnungen oberhalb ihrer Geschäftsräume hatten, das hatte etwas Heimeliges, und es war spannend, sich auszumalen, was sich für Geschichten hinter den Vorhängen ereignen mochten. Ich träumte davon, wenn ich erwachsen bin, ebenso oberhalb der Welt zu wohnen, mein Rückzug in die Luft, wenn die Erde zu schwer wird.

Zurück am Land triffst du auf einmal Menschen, die wie aus einer anderen Zeit scheinen, zu lange nicht gesehen, und ihr stellt fest, dass ihr euch mehr denn je zu erzählen habt – auf einmal wird Heimat ganz neu definiert. Die starken Wurzeln, die es braucht, um die Flügel zu (er)tragen, das macht auf einmal Sinn.

So sehr sich das Außen auch verändert und weiter entwickelt, im Innersten ruht sein Kern.
Der Spiegel zu mir – ich habe mich immer mehr entdeckt und viel gelernt, bin wunderbare und manchmal auch verschlungene Wege gegangen, habe mich tausendmal neu erfunden und zweitausendmal geirrt – und drinnen ruht mein Kern.
Mein Wesen, mein Herz, ich. Unantastbar.

(Foto: H.K. 2007)

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